Längst vorbei sind die Jahre, in denen sich eine nach eigenem Verständnis "subversive" Gegenkultur dem allgemeinen Kauf- und Konsumrausch verweigert. In diesen harten Zeiten, da sich selbst die Hamburger Gruftwächter der kritischen Kulturbetrachtung mit schonungsloser und wahrhaft erregender Offenheit ("Auch ZEIT-Redakteure sehen fern") als konsumistische Ja-Sager outen, lautet die Devise: Born To Shop, zum Kaufen geboren. Gedanken, Meinungen und Ideologien besorgt man sich inzwischen dort, wo es früher nur Unterhosen gab – am Schlußverkäufe-Wühltisch, dem möglicherweise tiefsinnigsten Symbol der Gegenwart.

hob auf der Lokalkulturseite (oder auch Kulturlokalseite) der "Süddeutschen Zeitung" vom 8.19. August 1992

Biergartenzauberwort

Ach, Gedichte schreiben müßte man in Nächten wie diesen! "Es war", raunte es beim großen Dichter von der Sommernacht, "es war, als hätt der Himmel / Die Erde still geküßt". Schon immer hegten wir leis den Verdacht, er könnte uns etwas verbergen, der Feldwaldwiesendichter Eichendorff, er spräche, mittels sanfter Liebesflötentöne, von größeren Dingen, mindestens vom menschheitsalten Enigma unseres Werdens und Vergehens. Aber was wußten wir schon, wir kleingläubigen und leider ungeküßten Erdlinge: Mit seiner "Mondnacht" lieferte uns Eichendorff ein Kassiber von seiner Begegnung mit den Außerirdischen. Diese Offenbarung, diesen himmeleröffnenden Schluß verdanken wir einem Beitrag unserer innig geliebten und jetzt erst recht sommerheiß geliebten Süddeutschen. In entwaffnender Gemütsschlichtheit berichtet dort eine Geheimdienstmännin unter dem Tarnnamen Patricia Görg vom "eisklar lächelnden Universum" und weiteren Unbekannten Flugobjekten. Wie Sternschnuppen. fällt es ihr und uns von den Augen, wenn sie von "ernstgenommenen, keineswegs seltenen Ereignissen" flüstert, die natürlich "aufhorchen lassen", so daß es "immer vermessener" werde, an diese Invasion aus dem All noch immer nicht zu glauben. Schließlich habe "die herrschende Klasse", haben Militärs und Geheimdienste nichts anderes im Sinn, als uns weiter heftig im Dunkeln tappen zu lassen. Selbst Michail Gorbatschow (erinnert Ihr Euch noch an den guten Onkel?) soll dem Kollegen Bush Beistand im Ernstfall zugesagt haben, für den Tag, an dem die kleinen grünen Männchen ... Ach, Eichendorff, hätten wir nur auf Dich gehört, hätten wir Deine Gedichte doch, statt sie der Liebsten aufzusagen, streng wissenschaftlich behandelt, wie klug wir hätten sein können! "Und die Welt hebt an zu singen / Triffst du nur das Zauberwort." Bedienung, noch eine Maß!

Mas für Maas

Hausmitteilung: Die Hansestadt Hamburg erlebte am vergangenen Sonntag den heißesten Tag nicht nur dieses Jahres, sondern des ganzen Jahrhunderts. Es war genau der Tag, an dem die meisten Beiträge dieser Feuilleton-Ausgabe reifen mußten. Die Abteilungen Wirtschaft und Politik hingegen entstanden unter der milden Schirmherrschaft einer am Dienstag rechtzeitig eingetroffenen Kaltfront. Mit diesem Hinweis bitten wir jetzt schon für alle Druck- und Denkfehler dieser Ausgabe weiträumig um Nachsicht. Denn schon die vergangenen nordisch-tropischen Wochen sind nicht spurlos an uns vorübergegangen. In Ivan Nagels Salzburger Rede ("Bürgerkrieg und Amnestie") machten wir aus Heinrich dem Vierten Heinrich den Sechsten. Bei Walter Grasskamps Text "Unerhörte Monologe" brachten wir in der Bildunterschrift Goethe und Herder durcheinander. Bei Petra Kipphoffs Bericht über das Treffen der Kunsthistoriker in Berlin vertauschten wir die Gelehrten Walter Friedländer und Max J. Friedländer. Und im "Letzten" der letzten Woche machten wir aus der trefflichen Sportreporterin Sissy de Mas eine Sissy de Maas. Tief geknickt über so viel Sommerkonfusion, bitten wir alle Verwechselten, alle toten Könige und alle lebenden Sportreporterinnen sowie alle Leser um Vergebung – wir tun es mit einer Zeichnung von Christiane Baumgartner, die wir kürzlich an dieser Stelle als Christian Baumgartner vorgestellt haben.