Von Erika Martens

Mut muß man der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft (DAG) bescheinigen. Anstatt mit dem üblichen Forderungskatalog in eine Tarifrunde zu gehen, bietet die Arbeitnehmerorganisation der krisengeschüttelten Lufthansa an, auf tarifpolitische Errungenschaften zu verzichten. Zur Verblüffung der Unternehmensspitze und zum Ärger der mit am Verhandlungstisch sitzenden Gewerkschaft Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr (ÖTV) stellt die DAG das dreizehnte Monatsgehalt für dieses Jahr und die bisherigen Vergütungsstrukturen zur Disposition. Außerdem winkt sie mit längeren Arbeitszeiten.

Einer generellen Öffnungsklausel für Tarifverträge stimmt die DAG mit ihrer Lufthansa-Offerte allerdings nicht zu. Zu Zugeständnissen ist sie nur bereit, wenn die Lufthansa bei dem neuen Inlandsdienst Lufthansa Express gleiche Tarifbedingungen akzeptiert wie bei der Muttergesellschaft. Darum wird man jetzt heftig streiten. Entgegenkommen hat der Konzern aber bei einer anderen Forderung schon gezeigt: Der sechsköpfige Vorstand will in diesem Jahr auf zehn Prozent seines Jahreseinkommens verzichten.

So weit wie die DAG, deren hochbezahlte Cockpit-Klientel eine einmalige Gehaltseinbuße leicht verkraften dürfte, mag die ÖTV nicht gehen. Allerdings will auch sie mit "sozialverträglichen Umstrukturierungsmaßnahmen" ihr Scherflein dazu beitragen, daß der kranke Kranich wieder fliegen kann.

Neu sind weder die Probleme der Lufthansa noch die Zugeständnisse der Gewerkschaften. Schon 1990 haben DAG und ÖTV ein Sparkonzept unterschrieben, das dem Konzern immerhin einen zweistelligen Millionenbetrag einbrachte. Und im vergangenen Jahr, als die Lohnsteigerungen in Westdeutschland bei durchschnittlich 6,6 Prozent lagen, akzeptierten sie eine Tariferhöhung von nur 4 Prozent.

Ganz neu ist übrigens auch die Bereitschaft der deutschen Gewerkschaften nicht, notleidenden Unternehmen mit Lohnstundung oder Lohnverzicht unter die Arme zu greifen. Die IG Metall half so vor Jahren Arbed Saarstahl. Und beim Volkswagenwerk begnügte sie sich im Tief Ende der siebziger Jahre mit weniger Lohnzuwachs als in der übrigen Branche.

Das absolute Besitzstandsdenken, das den Gewerkschaften gern vorgeworfen wird und das sie offiziell auch ständig proklamieren, hat es also in der Realität nicht immer gegeben. Und künftig wird es schon schwer werden, wenigstens das Erreichte zu bewahren. Die Probleme der deutschen Einheit sind riesig, die Weltwirtschaft ist labil. Die Bundesbürger müssen sich der Frage stellen, ob nicht die Zeiten vorbei sind, in denen es stets aufwärtsgehen mußte mit dem Lohn und stets abwärts mit der Arbeitszeit. Natürlich dürfen Unternehmensführungen nicht darauf zählen, daß ihre Managementfehler durch Lohnopfer ausgebügelt werden. Doch werden wir wohl manche liebgewordenen Vorstellungen fahrenlassen müssen. Nicht nur die Beschäftigten der Lufthansa werden dies spüren.