McDonald’s hat es längst ausrechnen lassen: daß der Besuch eines seiner "Familienrestaurants" eine wahrhaft heroische Tat sei. Der Fast-food-Kunde verbrauche nämlich sechsmal weniger Energie, siebenmal weniger Wasser und lasse fünfmal weniger Abfall entstehen, als kehrte er in einer gewöhnlichen Gaststätte ein. Die PR-Botschaft: Wer Hamburger verdrückt, trägt zur Rettung des Planeten bei. Und dieser Impetus, darüber sind sich alle Marketingexperten einig, gewinnt bei immer mehr Konsumentscheidungen an Bedeutung.

So kommt es, wie es kommen muß: Die Ökokraten übernehmen das Regiment. Sie erklären Unternehmen, was sie herstellen sollen, raten Konsumenten, wovon sie besser die Finger lassen, und sagen Politikern, wo es langgeht. Ihr Handwerkszeug heißt Ökobilanz und ist ein umfassender Vergleich der Umweltauswirkungen mindestens zweier unterschiedlicher Produkte – von der Herstellung bis zur Entsorgung.

Ist das Elektroauto wirklich umweltschonender als die Benzinkutsche? Entlarvt sich als Umweltignorant, wer seinen Nachwuchs mit Wegwerfwindeln statt mit Baumwolle trockenlegt? Die Bonner Regierung will das ergründen und setzte sich "die Aufstellung von Ökobilanzen ... für die Bewertung von Stoffen und Produkten" zum Ziel.

Doch, verkehrte Welt, nun tritt der Präsident des Umweltbundesamtes (UBA), Heinrich von Lersner, vor das verdutzte Volk und erklärt, wie schwierig, ja gefährlich das Geschäft mit den Ökobilanzen sein kann. In der Tat: Erstens wissen die Umweltforscher zuwenig, und zweitens droht ihr Wissen mißbraucht zu werden.

Darüber ließen sich viele Geschichten erzählen – die jüngste handelt vom Rapsöl. Raps steht bei den Politikern derzeit hoch im Kurs, weil die gelbblühende Ölsaat dem von der Agrarkrise gebeutelten Landvolk neue Erwerbsmöglichkeiten verschaffen könnte. Doch ehe ein neuer Subventionstopf geöffnet wird, muß eine populäre Begründung her. Was liegt da näher als der Umweltschutz? Der Sprit, der auf den Feldern wächst, so die Bonner Botschaft, binde während seiner Wachstumsphase fast soviel treibhausträchtiges Kohlendioxid (CO hoch 2), wie beim Verbrennen wieder freigesetzt wird. Ein typischer Fall für eine Ökobilanz: Rapsöl gegen Dieselkraftstoff.

Und schon fangen die Schwierigkeiten an. Problem Nummer eins: die Unvergleichbarkeit verschiedener Umwelteffekte. Wie sollen die Auswirkungen auf Luft, Wasser, Boden, Artenvielfalt oder Landschaftsästhetik auf einen gemeinsamen Nenner gebracht werden? Jeder Chemiker hat ein ungutes Gefühl beim Addieren verschiedener Schadstoffe. Bisher ist es keinem gelungen, Äpfel und Birnen zu vergleichen.

Selbst wenn der Blick nur auf die Klimaeffekte gerichtet ist, stellt sich Problem Nummer zwei: die Datenbeschaffung. Wird mehr Raps angebaut, entsteht auch mehr Rapsschrot, wodurch das heute in der Tiermast verwendete Sojaschrot ersetzt wird. Deshalb müssen auch die CO hoch 2-Effekte von Raps- und Sojaschrot verglichen werden. Soja wächst vor allem in Brasilien und den Vereinigten Staaten. Also beginnt eine mühselige Suche nach Daten in Übersee. Außerdem müssen die ebenfalls klimawirksamen Emissionen durch den Düngereinsatz beim Rapsanbau sowie alle Methanemissionen verglichen werden – und schon fehlen dem Forscher verläßliche Daten.