Sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen, das vermochte bisher nur der Lügenbaron Münchhausen. Heute nennt man solche Manöver vorsichtshalber ganz anders: Selbsterneuerung. Die Reinigungskräfte waschen aber allzuoft nur mit schmutzigem Wasser. Wer’s nicht glaubt, braucht sich nur an der Berliner Humboldt-Universität umzusehen.

Dort gibt es derzeit zwei ostdeutsche Wissenschaftler, die fachlich unzweifelhaft qualifiziert sind, die sich unter dem SED-Regime untadelig betragen haben, folglich damals keine große Karriere machen konnten – die aber gleichwohl (oder genauer: gerade deshalb) auch heute unerwünscht sind, jedenfalls im Kreise der sich dort selbst reinigenden Kräfte.

Der Fall Richard Schröder: Schröder hat bis 1989 als Theologe am Ostberliner Sprachenkonvikt Philosophie gelehrt. Jetzt ist er von der Berufungskommission vorgesehen worden für eine Professur an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität – unico loco, als einziger Kandidat für diese Stelle. Was macht der Akademische Senat der Humboldt-Universität? Er lehnt diesen Vorschlag ab – ohne Aussprache, ohne Begründung, nur mit dem gesenkten Daumen. Fast wäre man geneigt, von einem Geheimurteil ohne Prozeß zu sprechen, wüßte man nicht, daß der Hochschulsenator sich gleichwohl an die Berufungsliste halten und Schröder ernennen kann.

Dieses Votum paßt zu einer Universität, die noch vor kurzem auf die Barrikaden gehen wollte für ihren Übergangsrektor Heinrich Fink, der – wissenschaftlich eine Quantité négligeable – sich als Theologe nur deshalb nicht vor aller Öffentlichkeit desavouieren konnte, weil es von ihm keine Veröffentlichungen gibt. Übrigens auch zu einer Universität, die sich flugs gegen eine Rektoratsverfassung entschieden hatte, weil dann nur einer ihrer Professoren, und zwar ein unbelasteter, hätte Chef werden können – zum Beispiel Richard Schröder. Doch so weit wollten es die Kräfte nicht kommen lassen. Bevor sie sich einem integren Ostdeutschen anvertrauen, zogen Seil- und Kumpelschaften allemal noch eine westdeutsche Präsidentin vor. Die aber, Frau Dürkop, versucht nun, den Ärger um das Votum des Akademischen Senats, das ihr schnell noch einen Tag vor ihrem Dienstantritt auf den Tisch praktiziert wurde, zu glätten.

Ganz anders und doch ganz ähnlich der Fall Gerd Irrlitz: Irrlitz, ein Philosoph, der zu Zeiten der SED allenfalls noch über antike Philosophen vortragen durfte, hätte längst eine C4-Professur, also eine ordentliche Professur verdient. Was geschieht statt dessen? Die Struktur- und Berufungskommission verschlampt das Verfahren. Was immer die westdeutschen Mitglieder dieses Gremiums dabei im Sinn gehabt haben mögen, das Ergebnis jedenfalls ist, daß für die vorgesehenen westdeutschen Kandidaten C4-Stellen eingeplant sind, für zwei ostdeutsche Aspiranten, darunter Gerd Irrlitz, nur eine C3-Stelle. Dabei geht es nicht einfach um Prestige und Einkommen, sondern auch um Arbeitsmöglichkeiten und Assistenten. Anders als im Fall Schröder brauchten die Kräfte hier nicht einmal sichtbar den Daumen zu senken. Aber ähnlich reiben sie sich auch hier die Hände: Was mußten Schröder und Irrlitz auch einer neuerlichen Wahl von Heinrich Fink zum Rektor widerraten und der Humboldt-Universität die Chance eines ehrlichen, wenn auch schmerzhaften Neuanfangs wünschen? Das hätten sie doch wissen müssen: Anpassen hat damals geholfen. Weshalb soll es heute anders sein?

Im Fall Schröder kann der Hochschulsenator heilend eingreifen. Im Fall Irrlitz könnte und will er es – sofern die Universität sich besinnt und eine Aufwertung der betroffenen Stellen beantragt. Wenn nicht, dann nicht. So ist es dann eben mit der Hochschulautonomie, auf die zumindest wichtige Teile der Humboldt-Universität so gut vorbereitet sind wie der Baron Münchhausen auf den Versuch, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen. Robert Leicht