Von Christoph Bertram

Es ist wie in einem Film, in dem Traum und Wirklichkeit verschwimmen: Das weite Kasernengelände, ein paar Kilometer von Lübeck und noch weniger von der alten Zonengrenze entfernt, liegt verwaist in der Mittagssonne. Im Zimmer des Kommandeurs hängen noch die übliche Bundesflagge und das Bild des Bundespräsidenten. Weil das offizielle Konterfei des neuen Verteidigungsministers noch nicht verteilt ist, blickt Volker Rühe als Photokopie eines Zeitungsausschnitts dunkel, massig und verloren aus dem Rahmen daneben.

In den leeren Gängen der Gebäude hallt jeder Schritt. Dann am Ende eines langen grauen Korridors eine Glastür, die von innen geöffnet wird. Etwa fünfzig junge Offiziere sitzen in dem Raum dahinter und spielen eifrig Manöver. Der Feind steht, in der Sandkiste wenigstens, vor der Tür, und die Männer sollen lernen, wie er zurückgeschlagen werden kann.

Was hier in der Hanseaten-Kaserne geschieht, ist wie ein Symbol der Bundeswehr im Jahre 1992. Die Streitkräfte werden drastisch vermindert. Überall, nicht nur in Lübeck, werden traditionelle Standorte "soldatenfrei", wie ein im Dienst ergrauter Unteroffizier grimmig bemerkt. Der Feind ist verschwunden, aber die übriggebliebenen Soldaten tun noch immer so, als stehe er mit Hunderttausenden zum unmittelbaren Angriff bereit. Die Bundeswehr ist eine Armee auf dem Rückzug von einer klaren Vergangenheit in eine unklare Zukunft.

Napoleon hat einmal den geordneten Rückzug als die schwierigste strategische Aufgabe einer Armee bezeichnet. Aber anders als die Grande Armee, die gut im Siegen und schlecht im Rückzug war, scheint die Bundeswehr, die nie kämpfen mußte, der Aufgabe besser gewachsen. Dabei geht es nicht um die Schließung von ein paar Kasernen. Zu Recht spricht Verteidigungsminister Rühe vielmehr von der "zweiten Neugeburt" der deutschen Streitkräfte – nach jener ersten im Jahre 1955, als die Bundeswehr unter großen Mühen und viel Kritik entstand. Jetzt wird nicht mehr aufgebaut, sondern abgerissen und neu gebaut – und nirgendwo sind die Bauarbeiten so einschneidend wie beim Heer: Ende 1994 werden von den einst 48 Brigaden allenfalls noch 27 übrig sein, davon ganze sechs zu schnellem Einsatz fähig. Über 800 Stabsoffiziere werden dann nicht mehr gebraucht, jeder achte Standort wird geschlossen. Und nicht wenige vermuten, daß dies noch nicht die Endstation ist.

Zwei Entscheidungen prägen den Rückzug der Bundeswehr. Die eine trafen Kohl und Gorbatschow vor zwei Jahren im Kaukasus, als sie den Gesamtumfang deutscher Streitkräfte in Ost und West auf 370 000 Mann festlegten. Damals noch dienten in Bundeswehr und Nationaler Volksarmee zusammen fast 670 000 Soldaten; bis 1995 sollen über vierzig Prozent entlassen werden. Das Beil der Kürzungen traf vor allem die seit dem 3. Oktober 1990 in die Bundeswehr eingegliederte NVA, aber es verschont auch die Bundeswehr West nicht.

Die andere Entscheidung wurde im allerhöchsten Nato-Rat getroffen: Künftig sollen die Streitkräfte des westlichen Bündnisses in Europa in "Schnelle Reaktionskräfte" und "Hauptverteidigungskräfte" aufgeteilt werden – in einige wenige präsente Verbände also, die rasch überall im Bündnisgebiet eingesetzt werden können (und vielleicht sogar darüber hinaus), und in halbpräsente Kadereinheiten, die im Ernstfall mit Reservisten aufgefüllt werden müßten und Monate brauchten, bevor sie in den Krieg ziehen könnten.