Unter dem Code ABC war die Verschwörung zur Verhängung des Ausnahmezustandes und Beendigung der Perestrojka schon von langer Hand vorbereitet worden. Doch die Putschisten ließen ihr Unternehmen dann kurzfristiger als geplant anlaufen, um der Unterzeichnung des Unionsvertrages am 20. August zuvorzukommen.

Auf diesen Vertrag, der die Sowjetunion in einen losen Staatenbund verwandeln sollte und eine neue Verfassung, die Auflösung des Parlaments und "Wahlen der Machtorgane" vorsah, hatten sich Gorbatschow und neun der damals fünfzehn Sowjetrepubliken im Frühjahr 1991 verständigt. Er war für die Reformer ein entscheidendes Instrument im Machtkampf mit dem konservativen Lager.

Der Überzeugungstäter unter den Putschisten war KGB-Chef Wladimir Krjutschkow. Er hatte sein Welt- und Feindbild auf dem Weg vom jungen Botschaftssekretär in Budapest während des Ungarn-Aufstandes 1956 bis zum Chef der Auslandsspionage entwickelt. In einem offenen Brief an Jelzin hat der Untersuchungshäftling Krjutschkow am 11. Juli dieses Jahres in der Prawda besonders auf die Bedeutung des Unionsvertrages für die Verschwörer hingewiesen:

"Mit der Deklaration über die Souveränität Rußlands im Sommer 1990 begann die entscheidende Phase der Zerstörung der Union ... Sie, Boris Nikolajewitsch, führten Schlag auf Schlag gegen die Sowjetunion ... Der Entwurf des Unionsvertrages, ich meine seine letzte, für das Land zerstörerische Variante, und die Vorbereitung zur Unterzeichnung wurden nicht nur vor dem Volk, sondern auch vor der Führung des Obersten Sowjets und des Staates geheimgehalten. Die Endfassung des Unionsvertrages ist weder in den Komitees und Ausschüssen des Obersten Sowjets der Union noch in denen der Republiken erörtert worden. Die absolute Mehrheit der Führer unseres Landes sah diese Fassung zum ersten Mal am 16. August 1991 in der Iswestija. Am 17. und 18. August waren arbeitsfreie Tage – und für den 20. August war schon die Unterzeichnung dieses Dokuments geplant. Das Bestreben, den Zerfall der Union abzuwenden, war für mich das Hauptmotiv, um am Notstandskomitee teilzunehmen. Man ließ uns keine Zeit, anders zu handeln."

Zwei Tatbestände unterschlägt der frühere KGB-Chef hier:

Erstens: Krjutschkows Pläne waren viel älter. Generalmajor Anatolij Olejnikow, der nach dem Putsch erster stellvertretender KGB-Chef geworden war, vergangenen Herbst im Gespräch: "Krjutschkow spielte die führende Rolle. Er begann die Vorbereitungen Ende 1990." Mitte Januar 1991 inszenierten Krjutschkow, Jasow und Pugo die blutigen Übergriffe im Baltikum. Ende Januar setzten der KGB und Ministerpräsident Pawlow über Gorbatschows Stabschef Boldin, der eine "Desinformations-Falle" (Alexander Jakowlew) um Gorbatschow aufgebaut hatte, die Dekrete über die "Geldreform" und zur "Sicherung des Kampfes gegen Sabotage" durch. Ziel dieser Erlasse war es, die marktwirtschaftlichen Reformen zu liquidieren und die Sicherheitsorgane zur Aufsicht über die Unternehmen zu legitimieren.

Zweitens: Es ging nicht nur um die Union, sondern auch um die Person Krjutschkow. Am 29. Juli 1991 hatten Jelzin und der kasachische Präsident Nursultan Naserbaiew bei einem Gespräch über den Unionsvertrag Gorbatschow gedrängt, führende Funktionäre der alten Garde abzulösen. Krjutschkow, Jasow und Pawlow standen auf dieser Liste obenan. Naserbajew sollte neuer Regierungschef werden. Dieses Gespräch wurde von Krjutschkows Agenten, die Jelzin und andere Reformer (mit Gorbatschows Wissen) schon lange observierten, abgehört.