Von Christian Tenbrock

Das Schicksal Mexikos und der Vereinigten Staaten, schrieb der mexikanische Autor Adrián Lejous Martinez einmal, gleiche dem Los von siamesischen Zwillingen: Werde der eine von Fäulnis und Verfall betroffen, stürze dies auch den anderen ins Unheil. Das Wohl beider Länder, so Martinez, sei untrennbar verbunden.

Dieses Bild der Beziehungen zwischen Mexiko und seinem großen Nachbarn bietet den Rahmen, in dem das in der vergangenen Woche unterzeichnete Abkommen über einen freien Handel in Nordamerika (Nafta) zu interpretieren ist. Mehr als alles andere soll der Vertrag das konfliktreiche Verhältnis beider Länder stabilisieren. Seine Botschaft ist eindeutig: Der Kurs der politischen und wirtschaftlichen Liberalisierung, den Mexikos Präsident Carlos Salinas de Gortari eingeschlagen hat, wird unterstützt und abgesichert. Freihandel soll helfen, die Stabilität südlich des Rio Grande zu garantieren, und ein der Marktwirtschaft verpflichtetes Mexiko wird an seine neuen Partner Vereinigte Staaten und Kanada gebunden.

Es ist erst zehn Jahre her, daß Mexiko am 17. August 1982 Ausländern untersagte, Dollars aus dem Lande abzuziehen. Damit begann die weltweite Schuldenkrise, die gerade auch die Banken an der Wall Street schwer erschütterte. Millionen Mexikaner flohen aus dem ökonomischen Elend ihrer Nation in den reichen Norden. Und noch Anfang der achtziger Jahre galt Anti Yanqui-Nationalismus als wichtigste Eintrittskarte in das politische Leben Mexikos.

Jetzt aber umarmt Carlos Salinas nicht mehr den Kubaner Fidel Castro, sondern Amerikas Präsidenten. Im Weltbild Washingtons kann Mexiko damit zum Transmissionsriemen der Reform in ganz Mittel- und Südamerika werden. An ihrem Ende soll nicht nur größeres Wirtschaftswachstum zwischen Alaska und Feuerland stehen, sondern auch ein vom Wertesystem der Vereinigten Staaten bestimmter politischer und ökonomischer Block, der der Dynamik von Europäern und Japanern Paroli bieten kann.

Gegenüber dieser langfristigen Vision bleiben die kurzfristigen Auswirkungen des Abkommens eher unbedeutend. Der Vertrag koppelt die reichen und vollentwickelten Volkswirtschaften Nordamerikas mit der Ökonomie eines Entwicklungslandes. Er schafft einen gemeinsamen Markt von 363 Millionen Konsumenten. Aber schon heute ist Mexiko der drittgrößte Handelspartner der Vereinigten Staaten. Bereits 1993 kann es hinter Kanada an die zweite Stelle rücken – auch ohne den vereinbarten Abbau der relativ geringen Zölle und nicht tarifären Handelsschranken.

Für einige Agrarprodukte werden die Verbraucher im Norden künftig weniger bezahlen müssen. US-amerikanische Zitrus- und Tomatenpflanzer dürften Marktanteile verlieren, Getreidebauern dagegen neue Märkte gewinnen. Die Furcht der amerikanischen Gewerkschaften, daß größere Investitionsfreiheit im Süden des Kontinents zum Verlust von 500 000 Arbeitsplätzen führen wird, ist ebenso übertrieben wie die Angst der Umweltschützer vor einem Aufweichen der Umweltstandards in den Vereinigten Staaten. Die eigentlichen Nafta-Verlierer arbeiten in Fabriken in Singapur und Südkorea, Malaysia und Thailand, Taiwan und Hongkong. Über neunzig Prozent der Exporte des Stadtstaates Singapur in die Vereinigten Staaten entfallen auf Produkte, die auch Mexiko ausführt oder zukünftig ausführen will. Siebzig Prozent sind es im Falle Südkoreas, 85 Prozent in Hongkong. Bereits jetzt zahlen die Unternehmen der kleinen Tiger Asiens ihren Beschäftigten im Durchschnitt Stundenlöhne von über vier Dollar und damit doppelt soviel, wie ein Fabrikarbeiter in Mexiko verdient. Größere Handelsfreiheit in Nordamerika muß damit zur Umleitung von Handelsströmen führen – mit der möglichen Folge, daß auf der Ostseite des Pazifik Tausende ihren Job verlieren werden.