Verona. Auf dem Friedhof hat Romeo sich zu Julien gelegt und "im Kusse" sein Leben ausgehaucht. Sie aber, das Fräulein Capulet, lebt, wacht auf und haucht: "Wo ist mein Romeo?" Ach! Und nun der Dolch, der Tod, das Ende der Tragödie. Die Rettung: wie immer zu spät. Der Franziskanermönch Lorenzo: feige geflohen. So steht es nämlich geschrieben. Und doch kommt alles anders. Denn jetzt erscheint zu unser aller Überraschung eine blonde Fernsehansagerin auf dem Bildschirm, lächelt wild entschlossen und fragt uns, wie es weitergehen soll.

Das Schicksal liegt in unserer Hand! Soll Julia (wie bei Shakespeare) ihren Busen Romeos Dolch als (so der Dichter) "Scheide" bieten? Dann wählen Sie 510! Soll Julia sich doch lieber in den Armen Lorenzos trösten und im Kloster sehr, sehr glücklich werden? (511.) Oder soll sie sich ausziehen und Lorenzo jetzt gleich sehr, sehr glücklich machen? (512.)

Wir wissen nicht, wie wir Zuschauer in diesem Mitbestimmungsfernsehen der Zukunft entscheiden werden (vielleicht durften wir uns vorher schon aussuchen, wer die Julia spielt) – wir ahnen es bloß. Und wir ahnen auch, daß diese Spielart des Fernsehens so zukünftig nicht mehr ist. Fünfzehn Frauenköpfe hat uns das Magazin der Süddeutschen Zeitung in der letzten Woche präsentiert, von rehäugig bis schlitzohrig. Fünfzehn deutsche Bewerberinnen um die Titelrolle von "Scarlett", der Fortsetzung des Kultfilms "Vom Winde verweht". Drei hat Sat 1 dem Publikum inzwischen schon vorgeführt – die anderen werden folgen. Ted, der allmächtige Abstimmungscomputer des Fernsehens, entscheidet am Ende, wer als beste deutsche Scarlett zur internationalen Endausscheidung nach Atlanta fährt.

Nun kommen wir ein wenig ins Grübeln. Über den sowieso schon hart am Rande der Prostitution beheimateten Schauspielerberuf. Über dieses Abstimmungsverfahren, in dem der schwitzende Fernsehzuschauer fernmündlich seiner jungen Lieblingsschauspielerin väterlich, aber machtvoll zum Ruhm verhelfen darf. Über die Abschaffung des Schauspielers als Schauspieler, gefolgt von der Abschaffung des Zuschauers als Zuschauer, der im Zuge einer großangelegten Marketingstrategie mit lauter pseudodemokratischen Vollmachten ausgestattet wird.

Und nun fällt uns plötzlich auf, an welchem Ort die Endrunde dieser Schauspielerolympiade stattfinden soll: in Atlanta. Dort werden in vier Jahren auch die 26., wirklichen Olympischen Spiele abgehalten. Und der ebenfalls in Atlanta ansässige Coca-Cola-Konzern hat, wie wir hören, schon sein Konzept für die demokratische Umgestaltung der Spiele eingereicht: Vor dem 100-Meter-Lauf entscheiden die Fernsehzuschauer via Ted, wer gewinnen soll – der Auserwählte wird dann im entscheidenden Moment über die Ziellinie geschubst. Alles für das Publikum!

Szenenwechsel. Studierzimmer. Herr Heinrich Faust sitzt, die Fernbedienung in der Hand, sehr matt und müde vor der Fernsehzauberkiste und grummelt: "Bin ich denn abermals betrogen?" Es klopft. Herein tritt Herr Mephistopheles (verkörpert vielleicht durch den Medienmogul Leo K.) und macht Herrn Faust ein Angebot: "Willst du die totale Mediendemokratie? Willst du die wirkliche, göttergleiche Macht über die Figuren deiner Phantasie? Willst du eintauchen in den Cyberspace und endlich selbst Rhett Butler, Bogart, Bundeskanzler sein?"

Herr Faust hat, wie wir hören, eingeschlagen. Das Ende des Dramas ist wie immer offen. Entlarvt sich Mephistos Plan als universale Sterbehilfe? Gibt es einen Weltuntergang, den Faust vorm Fernseher verpaßt? (Bitte wählen Sie 110.) Fegt ein Kreuzzug für das Wahre, Gute, Schöne allen Tand und Flitter für immer vom Bild- und Lebensschirm? (Bitte wählen Sie 112.) Oder ziehen sich alle sofort aus und werden auf der Stelle sehr, sehr glücklich? (Bitte schalten Sie ab.)

Robin Detje