Von Thomas Kleine-Brockhoff

Von Beruf Abenteurer zu sein ist ein verdammt schwieriges Geschäft. Es gilt, 500 Jahre nach Kolumbus, die Wunder ferner Welten zu besuchen, dort irgend etwas zum allerersten Male zu tun und dabei schier unglaubliche Herausforderungen zu meistern. Die bestandenen Abenteuer und wundersamen Entdeckungen inmitten unserer rundvermessenen Welt sind hernach der Erlebnisindustrie zu präsentieren.

Arved Fuchs aus Bad Bramstedt ist in Deutschland Branchenführer. Er hat sich im Verlauf seiner Abenteurer-Karriere sechs Wochen allein auf einer Pazifikinsel durchgeschlagen, Grönland mit dem Hundeschlitten durchquert, Kap Hoorn im Faltboot umrundet und binnen eines Jahres Nord- und Südpol zu Fuß erreicht, letzteres gemeinsam mit Reinhold Messner.

Derzeit ist Fuchs mit einem sechzig Jahre alten hölzernen Fischkutter unterwegs. Den hat er eistauglich umgebaut, hat zehn Amateur-Abenteurer angeheuert (diverse mit Vollbart) und ist im vergangenen Sommer mit ihnen zur "Icesail-Expedition" aufgebrochen, der – laut Werbesticker – "ersten circumpolaren Umrandung des Nordpols".

Es handelt sich um ein Abenteuer jener Sorte, wie sie im Guinness-Buch verzeichnet sind: ein Rekord, weil niemand derlei je versucht hat und niemand derlei je wieder versuchen wird. Gewiß, die Nordostpassage entlang der sibirischen Nordküste nach Ostasien zu befahren, davon träumten Kauf- und Seeleute, seit sich herausgestellt hatte, daß die Erde eine Kugel ist. Und durch die Erkundung der eisigen Nordwestpassage zwischen Grönland und Kanada hofften die Engländer, ihren Ost-West-Handel der Kontrolle von Spaniern und Portugiesen entziehen zu können. Aber beide Passagen zusammmenhängend zu befahren, diese Idee ist so hinreißend originell, daß es 500 Jahre brauchte und der Entstehung des Abenteuermarktes bedurfte, um auf sie zu verfallen.

Das Problem der jüngsten Fuchs-Unternehmung ist die Dauer. Mindestens drei arktische Sommer benötigt er, zweimal muß er an der Küste überwintern, denn rund zehn Monate im Jahr legt sich Packeis über die Fahrtroute. Drei Jahre lang immer wieder dieselbe Frage stellen zu müssen (Schafft er es, oder friert er während der Fahrt ein?) langweilt die Medien und ihre Konsumenten kolossal.

So sind wir, zum Zwecke packender Zwischenberichte, auf freundliche Einladung der sponsernden Firma Gore (Wetterbekleidung, Putzbrunn), begleitet von Arved Fuchs’ Freundin, seiner Mutter, seinem Rechtsanwalt, der Bildzeitung und einigen anderen, für 48 Stunden an die sibirische Nordküste geflogen, um dem Fuchs guten Tag zu sagen und zu schauen, wie er dort oben auf den Eisaufbruch und den Start zur zweiten Etappe wartet.