Von Christian Wernicke

Tiflis

Zweimal bereits hat der Mann mit der Atombombe gedroht. Vor elf Wochen prahlte Oleg Teziew, die untergegangene Sowjetunion habe seinen Milizen neben Maschinengewehren und Granaten auch Kernwaffen vererbt. Er, der Premierminister der unabhängigen Republik von Südossetien, sei notfalls bereit, im Gemetzel um die Anerkennung seines kaukasischen Kleinstaates auch dieses Mittel gegen die georgische Regierung in Tiflis anzuwenden.

Oleg Teziew ist ein Spieler. Er pokert um Krieg und Frieden – und er lügt. Damals, im Juni, stellte das Moskauer Verteidigungsministerium den bulligen Hasardeur umgehend bloß: In Südossetien seien keine atomaren Sprengköpfe stationiert. Heute, im Gespräch, enthüllt der Regierungschef selbst, welche Gedanken in seinem Kopf herumspuken. Während Teziew "den Frieden für unser Volk" herbeisehnt und die 900 Toten beklagt, die der nationalistische Partisanenkampf zwischen südossetischen Verbänden und der georgischen Nationalgarde seit 1991 gefordert hat, malt er geistesabwesend seine Träume auf ein Stück Papier: Zackige, schwarze Kampfflugzeuge erscheinen schwarz auf weiß im Angriffsflug – Feuer frei. "Beide Gesellschaften", Georgier wie Osseten, hätten "kranke Teile". Doch wer hier krank oder gesund ist und welche Sprache er "jederzeit" im Dialog mit Eduard Schewardnadse, dem Chef der Übergangsregierung in Tiflis, sprechen will – das läßt Oleg Teziew offen.

Schußwechsel statt Wortgefechte prägen seit bald zwei Jahren die Politik der seit April 1991 unabhängigen 5,5-Millionen-Republik Georgien. Nach siebzig Jahren totalitärer Herrschaft zerfällt der Staat, zerbricht die Gesellschaft. Erst hetzte der frühere Menschenrechtler und Antikommunist Swiad Gamsachurdia als Präsident seine Anhänger gegen die autonomen Minderheiten in Südossetien und Abchasien auf – seither führen dort war-lords wie eben Oleg Teziew das Kommando. Dann jagten die Georgier Anfang diesen Jahres ihren Diktator aus dem Land – doch nach wie vor demonstrieren die "Swiadisten" mit Bombenanschlägen und Überfällen ihre Macht.

Eduard Schewardnadse, den die Putschisten im März aus Moskau holten und zum Vorsitzenden des Staatsrates beriefen, ist es zwar inzwischen gelungen, Georgien international aus seiner Isolierung herauszuführen. Doch Gorbatschows ehemaligem Außenminister mangelt es im eigenen Haus, dem marmornen Palast des früheren Lenin-Museums zu Tiflis, an der Macht, seine "Politik der Versöhnung" durchzusetzen.

Dem 64jährigen früheren KP-Chef Georgiens sitzen im Präsidium des Staatsrates zwei zwielichtige Gestalten zur Seite, die auf eigene Rechnung Politik und Geschäfte betreiben. Der eine ist Dschaba Josselani, ein einst wegen Mordes an einer jüdischen Juweliersfrau verurteilter Bandit und Literaturprofessor; er marodiert mit seinen Mchedronis, dem "Korps der Erretter Georgiens", durchs Land, die mit Lastwagen voller Kühlschränke und Klaviere von ihren Raubzügen zurückkehren. Der andere, der machtbesessene Verteidigungsminister Tengis Kitowani, schürt mit seiner Nationalgarde den Konflikt mit den Osseten; Auskünfte über Folter und Totschlag an politischen Gegnern werden Schewardnadse schlicht verweigert.