Von Karl Schlögel

Die deutsche Einigung hat viele Schauplätze: das Parlament, Gerichte, das Feuilleton, Bahnhöfe, Arbeitsämter, Universitäten, die Baustelle in der Innenstadt – und die Autobahn. Aus der einsamen Transitstrecke ist eine rund um die Uhr überfüllte Tangente geworden.

Die deutsche Autobahn ist ein lehrreicher Ort. Wer von einer tätigen Mitgestaltung der deutschen Einheit ausgeschlossen ist und seine Kenntnis vom je anderen Deutschland notgedrungen über Zeitung, Fernsehen oder seinen Steuerzettel bezieht, hat dennoch eine Chance mitzubekommen – passiv wenigstens –, was das ist: das Zusammenwachsen Deutschlands. Für das Deutschland auf Rädern werden dann Orte bekannt, die es nie gegeben hat und von denen man, im Stau festsitzend, über den Verkehrsbericht erfährt: zum Beispiel Triptis, Troppau, Dittersdorf.

Die Topographie im Kopf ist wesentlich eine Topographie der Verkehrsverbindungen. Die Namen bezeichnen Orte und Ausfahrten an der Autobahn. Die Autobahn ist für ein Hochleistungsland wie die Bundesrepublik so etwas wie eine Lebensachse. Wenn hier nichts weitergeht, dann hat das Folgen. Das Zentrum verschiebt sich dann für einen Augenblick. Es hat etwas Großartiges und Beeindruckendes an sich, wenn man die von Tausenden von Bremsleuchten punktierte rote Linie vor sich sieht, die im Rhythmus von stop and go aufleuchtet oder erlischt. Das Zentrum des deutsch-deutschen Verkehrs ist da, wo die größte Dichte ist, wo die freie Bewegung sich festfährt, wo es nur noch auf Geduld ankommt und alle Listen und Überholmanöver versagen.

Naturgemäß läßt es sich dort am besten beobachten, wo die beiden getrennten Hälften des deutsch-deutschen Autobahnsystems nun aneinandergefügt sind: an der Grenze, genauer: an den ehemaligen Grenzkontrollpunkten, die es nun nicht mehr gibt. Die Beschleunigung des Verkehrs dort sagt etwas aus über das Tempo, die Energie, den Naturprozeß "Deutsche Einigung". Man könnte auch die Flughäfen nehmen oder die Bahnhöfe. Auch in den Zugabteilen ändern sich die Zusammensetzungen, der Inhalt der Erzählungen der Reisenden, die für eine Nacht oder eine Zugfahrtstunde, in der sich bekanntlich am besten offen reden läßt, aufeinandertreffen. Aber die Schlangen vor den Abfertigungsschaltern in Berlin-Tegel oder die tägliche Landung des Bonner "Beamtenbombers" in Berlin-Schönefeld sind nichts gegen die hunderttausendfache Bewegung der Leute, die im Automobil unterwegs sind. Man muß Hunderte von Kilometern zwischen nicht abreißenden Lkw-Konvois gefahren sein, um zu ermessen, was da bewegt wird. Man sieht auf ebener Erde etwas anderes als aus der Vogelperspektive. Was sich unten abspielt, entgeht dem Flug von Punkt zu Punkt.

Der Zusammenschluß Deutschlands mißt sich in wöchentlich zurückgelegten Autobahnkilometern. Die Meldungen des Verkehrsfunks über die Warteschlangen in Frankfurt/Oder, Guben, Zinnwald und Schirnding sind Meldungen über das Zusammenwachsen Europas. Die Autobahnen sind zu den Arterien geworden, auf denen das Gefälle ausgeglichen wird, der Transfer von Menschen und Gütern in Gang gekommen ist. Auf den Autobahnen wird der Rhythmus des arbeitenden Deutschland sichtbar. Die Schlange von Autos, die sich jede Sonntagnacht von Leipzig bis Nürnberg bildet, ist der Indikator der Zahl derer, die Arbeit gefunden haben, Sie schieben sich auf der Autobahn nach Süden, in den Südwesten, der unendlich scheinende Konvoi löst sich in dem Maße auf, wie an den Autobahnen die Namen der leistungsfähigen Industrieorte auftauchen – Heilbronn, Mannheim, Böblingen, Sindelfingen. Die Reise geht weit, bis an die französische, bis an die schweizerische Grenze. An den Wochenenden kehrt sich die Bewegung um. Ostdeutschland sammelt seine Gastarbeiter, die zu ihren Familien zurückkehren – nach Görlitz, Bautzen, Hermsdorf, Halle, in die Dörfer und kleinen Winkel des Vogtlandes, der Lausitz. Da sind unterwegs Leute in ihren neuen Wagen, ganze Betriebsbelegschaften, die im Firmenbus transportiert werden, Familienväter ebenso wie junge Leute.

Die Identifizierung ist nicht mehr schwer, nachdem die Kennzeichen allgemein geworden sind: Rügener sind unterwegs nach Ingolstadt und Augsburger unterwegs nach Dresden. Zum Stau wird der Strom an Tagen, die im voraus bekannt sind: an Feiertagen und verlängerten Wochenenden. Dann strömt, was im Osten tätig war, zurück nach Westen, und was zur Arbeit nach dem Süden oder Norden gewandert war, kehrt dann für ein paar Tage zurück. Was aus den Kapillaren des westdeutschen Autobahnsystems aufgesogen wird, wird dann an der alt-neuen Grenze zum Menschenstrom, der ins Stocken gerät. Die Autobahn wird zum Ort des ersten Anschauungsunterrichts über das, was doch seit jeher das "einig Vaterland" gewesen sein soll. Der Grenzkontrollpunkt, die Stelle des Übergangs von einst, wird zum Nadelöhr der deutsch-deutschen Migration.