Irgendwie fühlen wir uns unter dem Ferienregiment des Vizekanzlers berechtigt, auch mal die Zügel schleifen zu lassen. Es ist im Grunde nix los, trotz Möllemann. Heinrich Heines Liebeslyrik wird nun auch ins Vietnamesische übersetzt, meldet der Rundfunk am Morgen als Weltnachricht. Auf dem Bonner Markt macht, zum Sonntagsständchen, Radio Bremen mit seinem 1057. "Hafenkonzert" Station. Die Stadt gehört den Touristen.

"Wir sind die vorläufige Hauptstadt für diesen Teil Deutschlands, notwendigerweise. Sonst sind Hauptstädte große Städte, eine Million Einwohner oder wenigstens eine halbe, aber wir sind nur eine kleine Stadt" – so begannen vor dreißig Jahren die Führungen durch Bonn. Das gibt es nun nicht mehr. Jetzt sagt die Führerin zum Beispiel, die Stadt habe auch eine Untergrundbahn mit sieben Haltestellen.

Die Entscheidung für Berlin sei ein Schock gewesen, fügt sie hinzu. Und viele, rundet sie ganz neutral ab, meinen ja, das Geld für den Umzug würde besser in die neuen Länder gesteckt. Aber Bonn bliebe ja eine Bundesstadt. Bonner Überlegungen über eine Art Europastadt und eine europäische Hohe Schule hätten bereits Früchte gebracht: Die Japanische Universität aus Tokio hat schon eine Zweigstelle eröffnet.

Der Bahnhof sei zwar klein, aber sehr funktionell, sagt sie später. So dürfte der Urlauberschar die ganze Stadt vorkommen. Die Führerin muß sich, obwohl der Bus schleicht, mit ihren Erklärungen richtig beeilen, so rasch aufeinander folgen Botschaften, Ministerien und ein paar städtische Sehenswürdigkeiten.

Und Baustellen ohne Zahl: Das Herz des politischen Bonn, das Parlament, läßt sich deshalb gar nicht anfahren. Da müssen wir uns einer Führung durch den provisorischen Plenarsaal im Wasserwerk anvertrauen, zu jeder vollen Stunde. Das ist nicht zu häufig; am hellichten Sonntag um ein Uhr warten 39 Personen.

Im Plenum die üblichen Hinweise, vor allem, wer wo sitzt. Und die üblichen Fragen, vor allem, warum es denn immer so leer sei. Auch das Schicksal der "Fetten Henne" spielt eine Rolle. Ob sie denn im neuen Plenarsaal wieder zu sehen sein werde, möchte man wissen. Ganz genau müssen die Besucher den Streit verfolgt haben, der um sie entbrannt ist. Der Schöpfer des gipsernen Bundesadlers an der Stirnwand des alten Plenums ist schon gestorben, aber sein Erbe will sich nicht ohne weiteres damit abfinden, daß das Emblem im neuen Saal durch eine abgewandelte und leichtere Fassung aus Aluminium ersetzt werden soll. Nun wird verhandelt, offenkundig mit einem aufmerksamen Publikum. Hängt das Volk am alten Symbol und an den Anfängen überhaupt? Noch sind die Gemüter friedlich.

Das heißt, einen Störenfried gibt es dann doch. Wo denn nach den nächsten Wahlen, fragt er, die Republikaner sitzen würden. Aber nein, den Gedanken wollen wir verdrängen wie der Bundestagsführer, der die Antwort der Zukunft und dem Ältestenrat des Parlaments überläßt. Wieder draußen, können wir bei einem Eis oder Würstchen mit den Touristen darüber nachdenken, ob wir nun in die neue Bundeskunsthalle oder wieder zum Platzkonzert auf dem Markt gehen: lauter Wonnen der Gewöhnlichkeit.

Carl-Christian Kaiser