Von Margrit Gerste

Rut Brandt? Kenne ich nicht, sagen die 25-, 30jährigen. Da staunt unsereiner. Wie kann das sein? Sie war doch die Frau von Willy Brandt, dem vielleicht bedeutendsten Kanzler der Bundesrepublik, dank ihm hatten viele Deutsche die Möglichkeit, sich zum erstenmal mit diesem Land zu identifizieren. Und das lag nicht zuletzt auch an seiner ungewöhnlichen Frau: ihrer Herkunft, ihrem Lebenslauf, ihrer Ausstrahlung, die dem spröden Willy Glanz verlieh, unkonventionell, elegant, attraktiv, kein deutscher Mutti-Typ, der brav einmal im Jahr zum Spenden fürs Müttergenesungswerk aufruft, keine Puffärmel, Rüschen und artige Seidenkleider. Maler, Theaterleute, Wissenschaftler, Schriftsteller und Journalisten zu Gast im Kanzlerbungalow, die ersten Sommerfeste für jedermann – Willy und Rut luden ein. Sie gehörten zusammen – auch wenn es immer wieder mal Gemunkel gab über des Kanzlers Schwäche für Frauen. Groß war deshalb die Empörung über ihn und die Solidarität mit ihr, als es hieß: Scheidung.

Das ist jetzt zwölf Jahre her, und diese Woche erscheint Rut Brandts Erinnerungsbuch*. Es ist voller Geschichten über die glückliche Kindheit der Norwegerin, die gefahrvollen Kriegsjahre, die dramatische Zeit in Berlin, über deutsche Politiker, bitterböse Schmähungen, gräßliche Wahlkämpfe, die ihr Magengeschwüre wachsen lassen, über die ersten Gespräche mit Russen, amüsante und traurige Begegnungen mit Breschnew, über die Söhne und die Freunde, die ihr Deutschland zu einem Zuhause werden ließen, über Guillaume, den Spion, und den Rücktritt. Und natürlich über Willy Brandt, mit dem sie über drei Jahrzehnte ihres Lebens verbrachte. Nein, nein, enthüllt wird hier nichts und niemand unters Messer oder auf die Couch gelegt, denn das Buch ist wie seine Autorin: fair, nobel, ehrlich, von einem feinen Humor und großer Loyalität. Rut Brandt ist eine großherzige Biographin von Willy Brandt.

Hat er ihr Buch gelesen?

"Es war ein schönes und schwieriges Leben", sagt sie sinnend. Ihre Stimme: hell mit ein wenig Rauch, lebhaft modulierend, die Sprache immer noch norwegisch gefärbt. Mal lebt sie hier in einem schönen Penthouse nahe Bonn, mit angenehm distanziertem Blick aufs Regierungsviertel, mal in ihrer "Hütte" in der Nähe von Hamar in Norwegen, dort, wo die drei Schwestern leben und gute alte Freunde. Und stets begleitet sie Lebensgefährte Niels Nørlund, ein dänischer Journalist, freundlich und klug. Die drei Söhne, Peter, der Geschichtsprofessor, Lasse, der Maler, und Matthias, der Schauspieler, halten zur Mutter engen Kontakt. Hin und wieder haben sie einen Termin beim Vater.

Der Ehemann und Vater: ein seltsamer, schwieriger Mensch, schweigsam, ja unerbittlich verschlossen, aber ein vehementer Briefschreiber, wenn er, wie so oft, auf Reisen war; radikal in seinen Abschieden, die scharfen Schnitten glichen. Was geschieht nach 33 außergewöhnlichen Jahren des Zusammenlebens "voll von Gutem und weniger Gutem", aber eine Grundlage für Freundschaft? "Der Tag der Scheidung sollte meine letzte Begegnung mit Willy Brandt sein", schreibt Rut Brandt. In seinen "Erinnerungen", die 1989 erschienen, kommt sie mit keinem Wort vor. Das muß doch weh tun? Sie lacht herzlich, wie so oft: "Das zu schaffen ist doch auch irgendwie genial."

Sie hätte immer noch Fragen. Doch er sagt nichts. Wie mag es dem kranken Mann jetzt gehen? Es scheint sie sehr zu bewegen. Und natürlich: Hat er ihr Buch gelesen, und hat er es recht verstanden? Sohn Peter, der es übersetzt hat, brachte es ihm, die erste, in Norwegen erschienene Ausgabe.