Von Elsemarie Maletzke

Mai 1817. Den ganzen Weg zwischen Chawton und Winchester hat es geregnet, sechzehn Meilen lang; die Alleebäume flossen wie grünes Plasma vorbei. Ab und zu wischte die kranke Dame in der Kutsche über die Scheibe und spähte nach den beiden Herren zu Pferde, denen das Wasser von den Hüten lief. – Oh, meine liebe Cassandra, wie schrecklich für Henry und William, sie werden sich den Tod holen ...

Es war Jane Austens letzte Reise. Acht Wochen später ist sie in Winchester gestorben, den Kopf im Schoß ihrer Schwester Cassandra, und an einem frühen Sommermorgen in der Kathedrale begraben worden, deren Turm sie vom Fenster ihrer Wohnung in College Street sehen konnte. Nur einmal war sie in dieser Zeit in einem Sedan-Stuhl in die Stadt getragen worden; an den Ruinen von Wolvesey Castle vorbei und am Fluß Itchen entlang, auf dem die Enten schnatterten – oder andersherum, durch Cathedral Close. In der alten Pilgerherberge standen die Fenster offen, und im ersten Stock übten zwei Knaben Violine.

Wahrscheinlich war der Rasen noch nicht ganz so vorbildlich geschoren, das Kriegerdenkmal fehlte und so manches scheußliche Haus, aber sonst scheint sich in der alten Königsstadt nicht viel verändert zu haben seit jenem Julimorgen, als ihr Sarg durch das Tor getragen wurde. "Sie öffnet ihren Mund mit Weisheit, und gütige Lehre ist auf ihrer Zunge" (Sprüche31;26) steht auf der Bronzeplatte im nördlichen Seitenschiff. Bruder Henry, dem unterwegs wohl doch der Kopf ein wenig naß geworden war, schrieb später: "Sie war ... ängstlich bemüht, Gott zu gefallen und bei ihren Mitmenschen keinen Anstoß zu erregen ... Nie sprach sie ein unüberlegtes, leichtfertiges oder strenges Wort."

Wäre Miss Austen tatsächlich diese grundgütige, diskrete Dame gewesen, wollte heute kein Mensch mehr ihre Bücher lesen, und ihre Spuren wären längst zugeweht. Doch Jane war kein zahmes Huhn, das in seinem literarischen Vorgärtchen pickte, sondern das eleganteste satirische Talent des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Wenn sie mit spitzer Feder hohlköpfige Pfaffen und aufgeblasene Damen aufspießte, entwich die Lust mit einem scharfen Pfiff. "Schönheit erleuchtet diese Narren", meinte Virginia Woolf, Schönheit, die noch immer entzückt. Und so sprechen die Steine in Winchester, Chawton und Bath 175 Jahre später von Jane und ihren Büchern, in denen weder Krieg noch Revolution, weder Elend noch Verbrechen vorkommen und die Welt zusammenbricht, wenn Lydia Bennet mit Mr. Wickham ohne Eheabsichten durchbrennt.

Sicher ist Jane als junge Frau auf dem Weg nach Bath hier durchgerattert: Wyeley, Stockton, Boyton, Dörfer hinter sieben Hügeln, die den Reisenden des 20. Jahrhunderts, der, sagen wir, die Wetterau kennt, auf die Knie zwingen. So geht es also auch. Cottages aus grauem und rotem Stein, mit Reetdächern von perfektem Schnitt, bis zu dem Pony über der Tür und dem auftoupierten Fasan im Giebel. Gärten voller Rosen und Geißblatt, Rittersporn, Fingerhut und Jasmin.

Eine Pferdekoppel – vorbei, eine Steinbrücke, Am Ende einer Buchenallee blitzt ein weißes Haus mit großen Fenstern. Kein Faustschlag in Form einer kubistischen Sparkasse oder einer abwaschbaren Klopsbraterei erschüttert den Zauber. Man meint, die sieben Zwerge im Gleichschritt aus den Türlein marschieren zu sehen: Hey ho, hey ho, wir sind vergnügt und froh ... Tatsächlich gibt es überhaupt keine Bank, keine Tankstelle, keinen Laden, wenig Kinder, doch solide Gasthäuser. Über Stilton, Pickles und Bitterbier im Garten des "Victoria & Albert" in Netherhampton zieht ab und zu eine Wolke von Schweinegestank und infernalisches Grunzquieken. Es wohnen also doch nicht nur pensionierte Colonels und Majorswitwen in Wiltshire.