Von Karl-Heinz Janßen

Nicht nur Bücher, auch Karten haben ihre Geschichte. Die Karte, um die es hier geht, hängt in der Schweiz – in einem streng bewachten Hause, denn sie ist ein einzigartiges Dokument von einem Tag in der Geschichte des deutschen, des polnischen und des russischen Volkes. Sie gehört einem Schweden, und sie ist, eher zufällig, zu einem Stück seines eigenen bewegten Lebens geworden. Und das kam so:

In den Anfangstagen der Bundesrepublik arbeitete der schwedische Journalist Arvid Fredborg als Korrespondent des Svenska Dagbladet, eines der angesehensten Blätter seines Landes, in Bonn, wo ihn eines Tages der ehemalige deutsche Panzergeneral Nikolaus von Vormann aufsuchte und ihm schilderte, wie miserabel einige seiner Offizierskameraden mit ihren Familien lebten – Offiziere, sofern sie überlebt hatten, galten im Jahre 1949 nichts mehr in deutschen Landen; einige der älteren, ohne Pension, ohne Beschäftigung und öffentlich verfemt, waren buchstäblich dem Hungertod nahe.

Arvid Fredborg hatte ein Herz und sagte Hilfe zu. Er sammelte in seiner Heimat Geld, Vormann und andere verteilten die Spenden nach Bedürftigkeit. Das Ganze mußte streng geheim bleiben. Wäre bekanntgeworden, daß ein Journalist aus einem neutralen Lande, der zudem noch Vizepräsident des Bonner Vereins der Auslandskorrespondenten war, Männern half, die Hitlers Krieg geführt hatten, es hätte einen weltweiten Skandal gegeben.

Drei Jahre später sah das anders aus. Da hatten es die Westmächte schon eilig, die Deutschen wie derzubewaffnen und ihre einstigen Generäle in den Dienst der Nato zu stellen. Vormann und seine Kameraden wollten sich erkenntlich zeigen. Sie überlegten sogar, ob sie ihren schwedischen Wohltäter beim Bundespräsidenten für das Bundesverdienstkreuz vorschlagen sollten. Doch Fredborg erinnerte sie daran, daß sie ihr Ehrenwort gegeben hatten, kein Aufhebens zu machen. Jede Ehrung verbat er sich ausdrücklich.

Eines Tages, wohl noch im Jahre 1952, erschien an der Tür des Korrespondenten ein Bote und überbrachte im Auftrag Vormanns ein langes Paket. Inhalt: eine Karte. Es war eine Lagekarte aus dem "Führerhauptquartier", die Vormann unter Lebensgefahr an sich gebracht und über den Krieg gerettet hatte. Sie bedeutete ihm sehr viel, und darum fand er wohl, es sei ein passendes Geschenk, das Fredborg nicht ablehnen könne. Später sagte er dem Beschenkten, er könne damit machen, was er wolle.

Von den militärischen Lagekarten, auf denen täglich, manchmal mehrmals am Tage, in den Stäben der Frontverlauf eingetragen wurde, liegen heute noch etliche in den Archiven, denn von jeder Karte wurden für über-, neben- oder untergeordnete Stäbe Kopien angefertigt. Aber die von Vormann verschenkte Originalkarte ist wahrscheinlich die einzige aus dem "Führerhauptquartier", die noch existiert – nach den strengen Vorschriften mußten die Hitler vorgelegten Karten jeden Abend in Anwesenheit eines Stabsoffiziers verbrannt werden. Was veranlaßte den damaligen Generalmajor von Vormann, gegen diesen Befehl zu verstoßen?