Von Hubert Winkels

In seinen drei bisherigen Romanen hat Markus Werner vehement bis überschäumend das Viele gegen das Eine, das dreckige Dutzend gegen Saubermann und -frau ins Feld geführt. Fäkalien und Auswurf, abgeschnittene Finger und gekrümmte Zehennägel – "Zündels Abgang", "Froschnacht" und "Kalte Schulter" bieten voller Lust morbide Körperlichkeit und konterkarieren das Phantasma des hygienisch perfektionierten Menschenleibs.

Alle Helden Werners sind an Leib und Seele beschädigt. Leidend und aufbegehrend stürzen sie sich in sämtliche Schmutzritzen der Gesellschaft. Aber sie wissen auch um ihre Besonderheit: Das Häufchen Elend, das sie sind, ist eines der authentischen Art. Sie spielen die falschen Spiele nicht mit, sie klagen die verfehlte Schöpfung an, und ganz leise, etwas verdruckst und hintenrum, genießen sie die Schlechtigkeit der Welt. Diese Romane feiern die ehrliche Kaputtheit ihrer Helden. Ihr Autor beobachtet genau, stanzt einprägsame Bilder, und sein Humor dämpft angenehm das Radikale seiner Weltanschauung. Der Schweizer Markus Werner fand Beachtung, Begeisterung löste er kaum aus.

Das könnte sich jetzt ändern. Der Erzähler seines neuen Romans "Bis bald" hat kaum noch etwas von jenem selbstmitleidigen Querulantentum, das so viele schöne Pointen, aber keine Einsicht bringt. Zwar ist Werners Anti-Held diesmal erst recht ein körperliches Wrack, das kaum an einem Stück erzählen kann, auch ist er noch von stimulierendem Weltekel erfüllt; trotzdem erlaubt er sich gelegentlich einen offenen, ja manchmal "guten" Blick auf seine Mitmenschen. Natürlich hat ein Misanthrop, der zugesteht, daß die Bemühungen der anderen nicht allesamt verwerflich sind, den Trost verloren, den die absolute Schlechtigkeit der Welt bereitet. Aber welches Versprechen steht dagegen? Das ist eine der großen Fragen, auf die der Roman mit kleiner Münze, nämlich konkret erzählend, antwortet.

Der Denkmalpfleger Lorenz Hatt, auf Reisen in Tunesien, erleidet einen Herzinfarkt. Der Leser ahnt von Anfang an, daß der Erzähler dem Tod geweiht ist. Hatt braucht ein neues Herz, das alte ist nicht mehr zu retten. Und das Ersatzherz darf, bevor es eingepflanzt wird, nicht länger als vier Stunden aus dem Körper eines Verunglückten, eines dem plötzlichen Hirntod Erlegenen, entfernt sein. Der Erzähler wartet. Er steht auf einer Liste. Er hat ein Gerät bei sich, dessen Lämpchen aufglühen wird, wenn das Herz des anderen da ist. Zweifellos eine verführerische Grundkonstellation. Was ließe sich da nicht alles an existentialistischer Dramatik, metaphysischer Spekulation und poetologischem Fundamentalismus herausholen oder ankleben?

Markus Werner tut das (für ihn) einzig Richtige: Er ignoriert diese Herausforderung nicht, geht ihr aber auch nicht auf den Leim: Er erzählt genau und gibt gelassen Rechenschaft. Ganz sachte nur hebt der Bericht des Herzgeplagten vom Alltagsboden ab und gewinnt weiter gespannte Perspektiven.

Hatt erzählt vom vorsichtigen Beginn seiner Ehe, von der Geburt des Sohnes Hans und dessen Untergang, dem frühen Kindstod, verursacht durch einen Tumor im Gehirn. In der folgenden Zeit der stummen Trauer scheinen Hatt Verkennung und Verfehlung das Los der Irdischen geworden zu sein, der Liebenden zumal.