Von Judith Reicherzer

Moderne Märchen gehen so: Ein angesehener Bankier wird von rachsüchtigen Managern verfolgt. Die streuen weltweit üble Gerüchte und ruinieren damit den Ruf und das Geschäft des braven Mannes. Allerdings nur beinahe. Denn mit Hilfe von Detektiven kann der Gute die Bösen stellen, und die verlieren am Ende selbst ihre Ehre.

In Amerika werden Träume wahr, und manchmal auch moderne Märchen. Wie ein solches Märchen klingt die Geschichte, die Bryan Burrough, Journalist beim renommierten Wall Street Journal, in seinem Buch "Vendetta" beschreibt:

Die Geschichte spielt in den goldenen achtziger Jahren, als Ronald Reagan regiert und in der Wirtschaft das große Fressen herrscht. "Vendetta" ist ein Buch über einen ausgeklügelten Rufmord und die Rettung des Opfers, eine im großen und ganzen wahre Geschichte, die Burrough spannend erzählt; Richtig brisant aber macht sie, daß die beiden Hauptakteure Stars in ihrem Metier sind: American Express und Edmond Safra.

Edmond Safra ist einer der ganz Großen in der Bankenbranche, auch wenn das bis vor kurzem nur Insider wußten und er selbst am liebsten unbekannt bleibt. Der Bankier stammt aus einer altehrwürdigen libanesischen Familie und hat in den sechziger Jahren seine ersten eigenen Banken gegründet: die Trade Development Bank (TDB), die auf dem europäischen Kapitalmarkt aktiv ist, und die Republik National Bank of New York für das amerikanische Geschäft. Inzwischen gilt Safra als einer der reichsten Menschen der Welt. Die Hauptkunden seiner Banken sind sephardische Juden, die wie Safra in den vierziger Jahren aus dem Nahen Osten nach Amerika oder Europa flohen, ihr Geld sicher anlegen wollen – und auf absolute Diskretion bedacht sind.

American Express dagegen ist eine typisch amerikanische Firma. Hundertvierzig Jahre alt, doch ohne echte Tradition, auf kurzfristigen Erfolg fixiert und dabei waghalsig und wankelmütig.

Ihr Vorstandsvorsitzender James D. Robinson verkörpert laut Burrough fast perfekt die amerikanische High-Society. Er liebt gelungene Auftritte in den Medien und engagiert dafür die besten PR-Strategen. In den achtziger Jahren nimmt sich Robinson vor, American Express zu einem Finanzsupermarkt auszubauen, in dem der Kunde alle nur erdenklichen Serviceleistungen angeboten bekommt. Das Imperium soll noch größer werden.