Von Manfred Sack

Man braucht nur das Stichwort "Moderne Architektur" fallenzulassen, schon stürzt eine ganze Kaskade berühmter Namen vom Himmel der Baugeschichte, Gropius natürlich, die Brüder Taut und Luckhardt, Mies van der Rohe und Häring und Scharoun. Doch alle diese Namen trügen, wie uns das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt am Main jetzt vor Augen führt, nur wieder zur halben Wahrheit bei, die Architektur-Moderne sei diejenige, für welche die Avantgardisten gefochten hätten, eine vollständig neue, sich von der Historie brachial distanzierende Form.

Selbst in Magdeburg, zum Beispiel, fällt vielen die Gartenstadt-Kolonie "Reform" nur noch deswegen ein, weil der Stadtbaurat Bruno Taut ihre (und viele andere) grauen Fassaden in den zwanziger Jahren hatte bunt anstreichen lassen, nicht aber, weil sie 1915 das Beispiel einer neuen architektonischen Haltung war: äußerster Bescheidenheit. Es ging nicht um die schrille Neuheit, sondern um die gesunde "Wohnung für das Existenzminimum". Die Siedlung, die unterdessen so grau wie früher aussieht, gehört in genau die Kategorie der Moderne, die in Frankfurt wieder entdeckt worden ist.

Und tatsächlich hängt diesmal nicht die kubische, die weiß geputzte oder rot gemauerte Flachdach-Moderne in allen Stockwerken des Museums am Schaumainkai 43, sondern die ungleich einfachere, gewöhnlich in den bodenständigen Traditionalismus abgeschobene Architektur, die wegen ihrer Sattel-, Walm- oder Krüppelwalmdächer auch nicht wirklich für modern gehalten worden ist.

Das war, wie man nun erfährt, ein flüchtiger, ein falscher Eindruck. Und nun wäre es genauso dumm, die Avantgardisten ihrer formalistischen Sehnsüchte wegen in den Hintergrund zu schieben. Denn denen, die diese manchmal atemberaubende, manchmal an ihrem Gleichmaß leidende Ausstellung zusammengebracht haben, der Museumsdirektor Vittorio Magnago Lampugnani und Romana Schneider, geht es ausdrücklich darum, die "tatsächliche Komplexität, Vielfalt und Widersprüchlichkeit" der "Modernen Architektur in Deutschland 1900 bis 1950" (so der Ausstellungstitel) begreiflich zu machen, also alle Strömungen, Haltungen, Ansichten zu zeigen.

Die eben eröffnete Ausstellung mit dem Untertitel "Reform und Tradition" ist nur die erste von dreien. Die zweite wird sich nächstes Jahr "Expressionismus und Neuer Sachlichkeit" zuwenden und dann auch die berühmte Avantgarde präsentieren, die dritte, noch später, führt den Untertitel "Macht und Monument" und eröffnet den Blick auf die Versuchungen, die der Wirkung alles Großen innewohnt – nicht nur, aber natürlich auch im Nationalsozialismus.

Für den Anfang der Reformer und Traditionalisten hätte man gar kein besseres Zitat zur Einführung finden können als dies von Alfred Lichtwark 1894. "Was nun?" fragte er und antwortete: "An Stelle der Fassaden aus Ornament und Fensterlöchern wird man glatte Wände als eine Beruhigung finden ... Statt der schmutzigen Wurst-, Erbsen- und Sauerkrauttöne der Teppiche und Möbelstoffe wird man wirkliche Farben willkommen heißen, nach der Überladung die Reize der Schlichtheit empfinden ..."