Von Christian Schmidt-Häuer

Es war am ersten Augusttag dieses Jahres, einem Sonnabend. Boris Jelzin griff am Morgen nicht wie üblich zum Tennisschläger. Er tauchte statt dessen für einige Stunden unter. Keine Zeile erschien darüber in der Presse. Das Radio meldete am Abend nur kurz, daß Boris Jelzin eine Delegation empfangen habe. In Wirklichkeit besuchte der russische Präsident unter strikter Geheimhaltung eine Elite-Truppe, der er viel zu verdanken hat. Vor genau einem Jahr hatten sich gerade jene Nahkampfspezialisten dem Befehl der Putschisten widersetzt, das Weiße Haus an der Moskwa zu stürmen. Dabei hatten die Putschisten auf sie fest gerechnet: die Anti-Terror-Einheit Alpha.

Und für den Präsidenten schlug jetzt Alpha zu: Die härtesten Männer der Nation stürmten Häuser und Flugzeuge, sprangen aus fliegenden Hubschraubern, feuerten aus Vakuum-Granatwerfern und ließen den Helden des August auch selber ihre Waffen abdrücken – Sonderanfertigungen, die niemand kennen soll. Nach dreieinhalb Stunden zog der Präsident spontan seine Armbanduhr vom Handgelenk und schenkte sie Generalmajor Gennadij Sajzew, 59, genannt "Väterchen". Er hatte die Brecher-Truppe schon in den siebziger Jahren geführt und sie jetzt wieder übernommen. Allen in der Runde spendierte Jelzin eine Solderhöhung um das Dreifache und obendrein ein makabres Lob: Höchstens eine Viertelstunde hätte die heute ihm selbst unterstehende, damals zum KGB gehörende Truppe gebraucht, um seinen Amtssitz, das Weiße Haus, in der Nacht zum 21. August zu stürmen. Obwohl damals mehr als 50 000 Menschen das Gebäude abschirmten, 5000 von ihnen waren bewaffnet.

Alpha hätte Moskau in Blutbad und Bürgerkrieg stürzen können. Ob ihre Bazookas den Putschisten allerdings den Weg gebahnt hätten, um das Räderwerk des Systems bis in das Jahr 1984 zurückzudrehen und die Sowjetunion doch noch überleben zu lassen, bleibt offen.

Ein Jahr nach dem Putsch sitzen die meisten der Putschisten hinter Gittern. 125 Bände dick ist die Beweislast. "Hauptverschwörer" waren laut Anklage Ministerpräsident Walentin Pawlow, Verteidigungsminister Dmitrij Jasow, KGB-Chef Wladimir Krjutschkow, Verteidigungsrats-Vorsitzender Oleg Baklanow, Partei-Organisationschef Oleg Schejnin und Gorbatschows Stabschef Walerij Boldin. Es waren Michail Gorbatschows Vertraute, sein letztes Aufgebot, die den Coup unbegreiflich dilettantisch inszenierten.

Folgt man der Spur von Alpha durch die drei Tage im August, wird deutlich, wie sehr selbst die härteren Putschisten gelähmt waren von dem, was sie gerade Gorbatschow angekreidet hatten: Unentschlossenheit und Angst vor Verantwortung.

Bereits am Sonnabend, dem 17. August, hatte Generalleutnant Rasschepow, Leiter der 7. KGB-Abteilung, dem die Anti-Terror-Gruppe unterstand, dem damaligen Alpha-Kommandeur Generalmajor Wiktor Karpuchin zu sich bestellt. Rasschepow erkundigte sich eingehend nach der Moral der rund 200 Kämpfer in Moskau. Er beauftragte die Gruppe, sich darauf einzustellen, eine "Begegnung" des russischen Präsidenten Jelzin mit der "Leitung der Union" an einem Flugfeld bei Moskau zu sichern.