NÜRNBERG. – Die Angelegenheit war nicht ohne Delikatesse. Zuerst debattierte der Stadtrat über die katastrophale Wohnungssituation – allein in Nürnberg fehlen rund 16 000 Unterkünfte –, anschließend dachte er darüber nach, wie wohl das Image der Stadt zu verbessern wäre. Denn ganz gleich, was in der nordbayerischen Halbmillionenmetropole auch passiert – sie wird das Etikett "bieder" und "provinziell" nicht los. "Deutschlands langweiligste Großstadt" schrieb kürzlich der Spiegel und leitete damit neues Wasser auf die Klischee-Mühlen von der altbackenen Lebkuchenstadt.

Mehr als zwei Drittel der Bundesbürger denken nach einer Emnid-Umfrage zuerst an die berühmte Leckerei und dann an den Christkindlesmarkt, wenn sie "Nürnberg" hören. Viel weniger, nämlich neun Prozent, erinnern sich zumindest noch an die "romantische, mittelalterliche Stadt", ebenso viele an den 1. FC Nürnberg. Vier Prozent verbinden mit dem Namen die Reichsparteitage und die Nürnberger Prozesse.

War dieses Ergebnis schon wenig schmeichelhaft, so zuckte der Stadtrat bei den folgenden beiden Antworten schmerzhaft zusammen: Nur ganze drei Prozent der Befragten wollten Nürnberg den Status einer Kulturstadt zuerkennen, und nur für ein Prozent war sie überhaupt eine Großstadt. Die Möglichkeit, demnächst in einem Atemzug mit Erkenschwick oder Pforzheim genannt zu werden, lag also greifbar nahe.

Noch näher rückte sie durch ein Meinungsbild, das die Zeitschrift Capital erfragte. Hier nahm Nürnberg unter fünfzehn Teilnehmern, noch hinter Mannheim und Freiburg, einen blamablen letzten Platz ein. Freilich, man konnte sich damit trösten, daß die befragten "Fachleute", unter anderem Theaterkritiker, ganz offenbar nicht auf dem neuesten Stand waren. So bemängelten sie zwar zu Recht die schlechten Aufstiegschancen für Manager, das nicht eben weltstädtische Kulturangebot und die schlechte Luftqualität; leicht daneben schienen sie jedoch mit ihrer Kritik in Sachen Verkehrsanbindung zu liegen, denn Flughafen, Autobahn, ICE-Haltepunkt und demnächst Rhein-Main-Donau-Kanal sorgen dafür, daß der Gast einigermaßen bequem nach Nürnberg kommt.

In normalen Zeiten hätte man den kapitalen Tiefschlag vielleicht weggesteckt. Doch in einer Phase, da Oberbürgermeister Peter Schönlein nicht müde wird, von einer "neuen Drehscheibe zwischen Ost und West" zu schwärmen, schien dem Stadtrat eine Gegenoffensive angezeigt. Immerhin hatten deutsche Einheit und die durchlässiger gewordenen Grenzen im Osten bereits für einen touristischen Boom in der ehemaligen Reichsstadt gesorgt.

In anderer Hinsicht will die Drehscheibe dagegen nicht recht in Schwung kommen. Weder siedelten sich wie erhofft neue Firmen in Nürnberg an, noch konnten bislang die ehrgeizigen Kulturpläne umgesetzt werden. Im Gegenteil: Nachdem Karla Fohrbeck, Nachfolgerin des bundesweit geschätzten Hermann Glaser im Kulturreferat, ausgerechnet dort ihr spirituelles Coming-out erlebte, droht Nürnberg in der Kulturszene eher zum Gespött zu werden. Das Ziel, zusammen mit der Partnerstadt Krakau im Jahr 2000 die Kulturstadt Europas zu werden, ist mit der Kandidatur von Weimar ebenfalls in weite Ferne gerückt.

Als sich die schlechten Nachrichten über das Image häuften, wurde zum einen eine Stabsstelle "Nürnberg-Image" eingerichtet, zum anderen beauftragte man drei Werbeagenturen, Vorschläge für ein stadtkosmetisches Facelifting zu machen. Ziel war es, das moderne Nürnberg stärker ins Blickfeld zu rücken: seine Bedeutung als Wirtschafts- und Forschungszentrum, als Standort von Markt- und Verbraucherforschung, seine günstige geopolitische Lage, seine Einkaufsmöglichkeiten in einer weiträumigen Fußgängerzone, die vergleichsweise niedrigen Lebenshaltungskosten.