Von Fredy Gsteiger

Das anonyme Fax, das vorige Woche bei vielen Synagogen einging, ist an Gehässigkeit kaum zu überbieten: "Gott schütze Israel, seine Führer und Berater – mit Ausnahme von Ministerin Schulamit Aloni, die alles niederreißt und schlechtmacht, was Israel heilig ist." Diesen Satz möchten die Gläubigen in ihre Gebete aufnehmen, wird gefordert.

In Israel gibt es nicht Wenige, die rotsehen, wenn sie Schulamit Aloni hören – und das hat mit ihrer immer leicht zerzausten roten Lockenmähne nichts zu tun. Als sie vorigen Monat ihr Amt als neue Bildungsministerin antrat, warteten bereits Hunderte von strenggläubigen Demonstranten vor dem Ministerium, das pikanterweise gleich am Rande des Jerusalemer Orthodoxenviertels Mea Schearim steht. Ihr Vorgänger, der nationalreligiöse Zevulun Hammer, hielt eine flammende Rede gegen sie und dachte nicht im Traum daran, ihr alles Gute im neuen Amt zu wünschen. Und der greise Rabbi Eliezer Schach tobte in einem Artikel, was Frau Aloni mit Israels Bildungswesen vorhabe, sei einzig mit Hitlers Vorgehen gegen jüdische Kinder zu vergleichen.

Mit beifälligem Kopfnicken, Schulterzucken oder leiser Enttäuschung hatten die Israelis die Kabinettsliste des neuen Ministerpräsidenten Jitzhak Rabin quittiert. Nicht so bei Schulamit Aloni. Wie eine Schulklasse voller ungezogener Schüler waren sie auf die neue Bildungsministerin gespannt. Und nicht wenige, darunter auch die Lehrergewerkschaft, hecken schon die ersten Streiche fürs beginnende Schuljahr aus.

Frau Aloni selbst, die sowohl ein Lehrerseminar besucht wie ein Rechtsstudium abgeschlossen hat, wäre lieber Chefin des Innen- oder des Justizministeriums geworden. Doch die Koalitionsarithmetik wollte es anders. Mit dem Bildungsressort ist sie deshalb nicht unglücklich. In Israel gilt es als eines der wichtigsten Portefeuilles.

Daß Schulamit Aloni in diese Schlüsselfunktion aufrücken könnte, wäre noch vor Jahren als verwegene Spekulation abgetan worden. Politisch aktiv war sie zwar schon früh. Mit achtzehn Jahren kämpfte die Tochter russischer Einwanderer in der Palmach-Bewegung für einen Staat Israel. Später gründete sie den ersten Verbraucherbund des jungen Landes. Als Anwältin beriet sie Frauen, die vor religiösen Gerichten antreten mußten, deren richtende Rabbis jeden Morgen Gott dankten, daß sie nicht als Frauen geboren waren. Sie schrieb Bücher über Menschenrechte und wurde landesweit bekannt als Fernsehbriefkastentante, die auch Themen wie Drogen und Prostitution nicht ausließ. Mit 36 Jahren zog sie in die Knesset ein – im ärmellosen Cocktailkleid. Erbost setzten die religiösen Abgeordneten einen Erlaß durch, der für weibliche Parlamentarierinnen "züchtige Kleidung" vorschreibt.

Schulamit Aloni lockte schon immer lustvoll gegen den Stachel und schreckte auch vor Breitseiten gegen ihre eigene Fraktion, die Arbeiterpartei, nicht zurück. Als Enfant terrible oder als politisches Pin-up-Girl wurde sie von Partei- und Regierungschefin Golda Meir getadelt. Die gesetzte Politikerin mochte eine aufmüpfige, junge Rivalin nicht dulden. Sie setzte durch, daß Frau Aloni bei den nächsten Knessetwahlen chancenlose Listenplätze erhielt. Daraufhin gründete sie ihre eigene Partei, die Bürgerrechtsbewegung. Statt wie vom Establishment prophezeit, in der Versenkung zu verschwinden, führt Frau Aloni heute mit der aus der Bürgerrechtsbewegung hervorgegangenen Meretz die drittgrößte Parlamentsfraktion.