Von Ralf Neubauer

Als Birgit Breuel und James Baker die üblichen Höflichkeiten ausgetauscht hatten, kam der Außenminister der Vereinigten Staaten schnell zur Sache. Er freue sich, daß ein amerikanisches Unternehmen in die ostdeutsche Braunkohlewirtschaft einsteigen wolle, versicherte Baker der Treuhand-Chefin Anfang Juli auf dem Weltwirtschaftsgipfel in München und schob sogleich eine Mahnung nach: Vor allem müßten alle Kaufinteressenten gleiche Chancen haben; das sei hoffentlich für die Treuhandanstalt eine Selbstverständlichkeit.

Birgit Breuel konnte den Amerikaner beruhigen. Sie fühlte sich von Baker, inzwischen Stabschef im Weißen Haus, zudem keinesfalls gedrängt. Im Gegenteil. Seit nämlich die nordamerikanische Firma NRG Energy beziehungsweise deren britische Tocher PowerGen aufgetaucht sind, ist in die Privatisierung der Ost-Braunkohle Bewegung geraten. Vor allem die westdeutschen Energieversorgungsunternehmen – kurz EVU genannt – rotieren. Sie wollten der Treuhand die Bedingungen für die Übernahme der ostdeutschen Kohlereviere diktieren. Doch nun geht an den Amerikanern kein Weg mehr vorbei. Die EVU mußten sich dem wachsenden politischen Druck beugen und verhandeln jetzt mit NRG Energy über ein Gemeinschaftsunternehmen im südlichen Sachsen. Das westdeutsche Strom- und Braunkohlekartell im deutschen Osten ist damit aufgebrochen. Zudem streiten die West-EVU sogar untereinander. Fünf kleinere Energieversorger wollen nicht hinnehmen, daß sich drei Branchenriesen – RWE, PreussenElektra und Bayernwerk – den größten Teil der Ost-Braunkohle einverleiben.

Das Poker um die Energiewirtschaft in der Ex-DDR wird immer spannender. Der Streit zwischen Treuhand und West-EVU schwelt schon seit mehr als einem Jahr. Im Kern geht es darum, welche Reviere überleben können. Birgit Breuel wollte die beiden Tagebauunternehmen der Treuhand, die Laubag und die Mibrag, im Paket veräußern. Einziger Kaufinteressent war lange Zeit ein Konsortium der drei größten West-EVU, PreussenElektra, RWE und Bayernwerk. In dieser Allianz hat die Kölner RWE-Tochter Rheinbraun das Sagen. Und Rheinbraun-Vorstandschef Hans-Joachim Leuschner war bis vor kurzem allein an den Tagebauen der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) interessiert. Von der Mitteldeutschen Braunkohle AG (Mibrag), die südlich von Leipzig Kohle abbaut, wollte er dagegen nichts wissen. In einem Angebot, das das Konsortium der Treuhand Mitte Mai für die Laubag unterbreitete, war von der Mibrag nicht einmal die Rede. Insider wundert Leuschners Vorliebe für die Laubag nicht: Der Rheinbraun-Manager war in dem Unternehmen lange Zeit Aufsichtsratschef und trat erst auf Drängen der Treuhandanstalt zurück.

Treuhand-Vorstand Klaus Schucht, der für Braunkohle und Energiewirtschaft zuständig ist, wollte und konnte die Vorstellungen des Dreier-Konsortiums nicht akzeptieren. Immerhin wird die Mibrag Ende des Jahres noch etwa 16 000 von einstmals 57 000 Mitarbeitern Lohn und Brot geben. Ein totales Aus für die mitteldeutsche Braunkohle wäre damit eine soziale und beschäftigungspolitische Katastrophe für die Region im Süden von Leipzig.

Schucht kann jedoch nicht allein volkswirtschaftliche Gründe für die Erhaltung der Mibrag ins Feld führen. Auch betriebswirtschaftlich ist die Rettung des in Bitterfeld ansässigen Unternehmens sinnvoll. Das jedenfalls hat die Unternehmensberatung McKinsey in einem von der Treuhand in Auftrag gegebenen Gutachten bestätigt. Danach eignet sich die Braunkohle, die in den beiden Mibrag-Revieren Schleenhain und Profen gefördert wird, hervorragend für die Verstromung. Sie könne nicht nur im Wettbewerb mit importierter Steinkohle bestehen, sondern schneide im Vergleich der Förderkosten auch deutlich besser ab als die Laubag-Braunkohle.

Mit diesen Argumenten biß Klaus Schucht bei dem von RWE-Ableger Rheinbraun angeführten Konsortium jedoch auf Granit. Die West-EVU kaprizierten sich unbeeindruckt auf die Laubag. Und die Treuhand war, so schien es im Frühjahr 1991, in der eindeutig schwächeren Position. Aus der ostdeutschen Braunkohle läßt sich gewinnbringend allein Elektrizität herstellen. Damit ist der Käuferkreis von vornherein auf große Stromerzeuger beschränkt.