Von Gisela Dachs

Wunsiedel

Zwei Welten in einem kleinen oberfränkischen Ort namens Wunsiedel: In der einen Welt findet das Musikfestival "Mitte Europa" statt. Der Weltbürger Sir Yehudi Menuhin dirigiert seine Warschauer Symphoniker. Die andere Welt, die braune Provinz, will aufmarschieren und den 5. Todestag des Naziverbrechers Rudolf Heß feiern. Der Zufall wollte, daß Yehudi Menuhin am 17. August auftreten sollte, am selben Tag, an dem die Neonazis am Grab ihres Idols Treue zu schwören gedachten.

Der 76jährige Friedenspreisträger sah darin "eine Art Schicksal" und kam trotzdem. "Lächerliche Marionetten, die – von unsichtbaren Drähten geführt – die Hand zum Sieg-Heil erheben", nannte er die Heß-Verehrer. Es handle sich um eine geistesbeschränkende, herzbeklemmende Krankheit, von der leider die ganze Welt befallen sei, sprach der weise Mann auf einer Pressekonferenz. Dann begeisterte Yehudi Menuhin das Publikum mit Mozart, Schubert, Beethoven.

1947 war er unter den ersten Künstlern des Westens gewesen, die wieder den Fuß ins zertrümmerte Nachkriegs-Deutschland setzten. Weil "nicht alle Deutschen Mörder waren". Fast fünfzig Jahre später brauchte nun ausgerechnet der Jude Menuhin Polizeischutz. Aber die beiden Welten kollidierten diesmal nicht. Das Konzert wurde nicht gestört. Wunsiedel kann wieder aufatmen – bis zum nächsten Jahr.

Seit 1988 hat die oberfränkische Festspielstadt einen Makel. Die Bewohner müssen damit leben, daß ihr Ort wenigstens zwei Tage im Jahr für Rechtsextremisten jeder Couleur zur Pilgerstätte wird. Schon zwei Monate nach der Beisetzung von Rudolf Heß hatte der inzwischen verstorbene Neonazi-Führer Michael Kühnen angekündigt, Wunsiedel werde künftig nicht mehr zur Ruhe kommen. Beim ersten "Rudolf-Heß-Gedächtnismarsch" – organisiert vom Herausgeber der Zeitschrift Wehr Dich, Berthold Dinter, und dem Chef der Hamburger Nationalen Liste, Christian Worch – trafen sich nur etwa hundert Neonazis. Doch 1990, im Jahr der Wiedervereinigung, marschierten schon tausend junge Braune durch den verschlafenen Ort im Fichtelgebirge.

"Wir haben unterschätzt, was da vorgeht", räumt Bürgermeister Otto Rothe ein. Könnte er heute entscheiden, würde er Hitlers Stellvertreter lieber woanders seine Ruhe gönnen, zum Beispiel in einer Großstadt. Daß die Leiche nach Wunsiedel kam, war schon damals nicht unumstritten.