Von Rainer Lucas

EISENACH – wer offene Sinne hat, der hört es im Getöse und Gedröhne autovoller Straßen; der sieht es trotz zahlloser Baustellen im Osten, auf denen Handels-, Bank-, Versicherungsgebäude in die Höhe schießen. Obwohl nun alles sauber wird und fein und fremd und kalt... Es ist eine Bitterkeit über dem Land, die manche bis in die Träume verfolgt: "Du hast nicht gelebt, knie nieder, Ossi, und empfange unsere Gnade."

Natürlich mag sich der Westler wundern über dieses quengelige, unberechenbare, undankbare Volk, das auf den Trümmern seiner "40 Jahre" mit großem Löffel alle Transferleistungen aus den alten Bundesländern verzehrt. Wieviel Energie zur Versöhnung wird künftig vonnöten sein, wieviel Behutsamkeit, Selbstkritik, ja Trauerarbeit, die nicht erst mit dem Jahr 1945 oder gar mit 1989 beginnen kann.

Mit jener berühmten "Wende" ging im Osten viel Stolz verloren. Der Stolz verliert sich weiter oder verwandelt sich in nostalgisches Beharren. Ein neuer Stolz auf ein neues geeintes Deutschland wäre mit diesem Vorbild wohl auch schwerlich zu gewinnen gewesen: Verdrossenheit überall, zur Schau getragener Zynismus, Parteiengezänk, eine verlachte, verhöhnte Demokratie. Alle Ansätze eines – mit Verlaub – notwendigen Patriotismus sind schon wieder erstickt. Auf viele wirkt der Einigungsvertrag wie ein "innerdeutsches Versailles".

Jene Sammlungsbewegung nun, die "basisorientiert" und "außerparlamentarisch" sein will und ein wenig noch (oder wieder) nach Blumen und Kerzen riecht – sie könnte, blieben ihre Absichten bekannt, auf die innenpolitischen Turbulenzen eher beruhigend wirken. Gerade die "Komitees für Gerechtigkeit" könnten die "Versöhnungsenergie" aufbringen. Sie könnten die Kräfte und Interessen integrieren. Sie könnten, wenn sie denn tatsächlich überparteilich wären, die Etablierten bei der Ehre packen und sie an ihre Versprechungen, Bekenntnisse und Programme erinnern. Aber sie sollten sich hüten vor unnötiger Konfrontation, vor Uralt-Polemik, vor der populistischen Versuchung, Begehrlichkeiten und den Minderwertigkeitsfrust zu schüren. Sie sollten zu einer selbstkritischen Nachdenklichkeit vorstoßen, um eine Atmosphäre zu erzeugen, in der die positiven Ursprungsimpulse der DDR benannt werden, Impulse, die doch jenen der Ur-Bundesrepublik gar nicht so unähnlich sind: Gerechtigkeit, Gemeinschaftlichkeit, Solidarität...

Schließlich: Viele ahnen längst, daß die Ratlosigkeit unserer Tage doch nur die Ratlosigkeit der Industriegesellschaft ist, dieser ausufernden "Risikogesellschaft" mit ihrem verbohrten Ökonomismus. Viele, zumal im Osten, ahnen wohl auch und wissen es schon: Diese teuren Wachstumsmodelle werden nicht greifen. Der geborgte Wohlstand ruht auf dünnem Eis. Und sie spüren, daß sie vom goldzähnebleckenden Optimismus der Kaufhausmanager nicht mehr zu erwarten haben als von der buntscheckigen Krähwinkelei irgendwelcher Musterländler...

Die gescholtenen Störenfriede in den "Komitees für Gerechtigkeit" indes, diese Miesmacher mit ihrer intellektuellen Penetranz – sie bringen einen Hauch von Hoffnung mit und ein Quentchen Utopie.