Was nun, Herr Kohl, Herr Lafontaine und wie sie alle heißen, hat Klaus Bresser im ZDF jahrelang gefragt. Jetzt richtet der Chef des Mainzer Senders die Frage an sich selbst, und zwar vornehm in Buchform. Was da in den Studios und dann noch live geschwätzt wird, das "versendet sich", wie Fernsehmacher sagen. Wer schreibt, der bleibt.

Bresser hat mit seinem Essay keinen Knüller vorgelegt. Aber "bleiben" wird er damit dennoch, und sei es nur für die kleine Gemeinde seiner Kollegen. "Über Fernsehen, Moral und Journalisten" heißt das Werk mit Untertitel, und genauso gravitätisch und öffentlich-rechtlich wie dieser Untertitel klingt das ganze Buch. Da schwitzt jemand ordentlich unter seiner Verantwortung, ficht für "Seriosität" ("Ich scheue das Wort nicht"), macht Aufhebens von "ethischen Maßstäben", "Glaubwürdigkeitskrisen" und "kreativer Redaktionspolitik", benutzt das Wort "Würde" und liefert dabei einen Text, der zur richtigen Zeit im richtigen Ton so gut wie alles sagt, was über Fernsehen gesagt werden muß. Denn es geht nicht länger mit Flapsigkeit und Sarkasmus. Verantwortung bringt nun mal ins Schwitzen. Ethische Maßstäbe sind nichts, worüber man mal eben ein paar Sprüche kloppt, und dann ist die Sache klar. Das Einnehmende und "Richtige" an "Was nun?" sind gerade seine schulmeisterliche Gründlichkeit, seine chefredaktionelle Erhabenheit. Dieses Buch setzt einen Kontrapunkt. Es ist deshalb sehr zu empfehlen.

Kontrapunkt wozu? Zu der teils aufgekratztfiebrigen, teils fatalistisch-galgenhumorigen Stimmung, die auf Medien-Kongressen, in Medien-Medien und in den Sendern selber vorherrscht. Seit mit dem Kommerz-TV das duale System und die Konkurrenz der Programmanbieter auch über Deutschland kamen, sind Fernsehmacher notorisch aufgeregt. Der Umbruch brachte mit den Privatfunkern ein Übermaß an leichter Kost auf die Bildschirme und in die Köpfe eine nicht gerade neue, aber beunruhigende Anthropologie: daß der Homo sapiens zuvörderst ein Homo ludens sei, der am liebsten einschalte, wenn das Programm ihm harmlosen Quatsch verspreche. Miteins standen Magazine, Kleines Fernsehspiel, Recherche und seriöse Berichterstattung mit dem Rücken zur Wand. Auch wer von Opas Kulturfernsehen weiterhin überzeugt war und es mit Verve verteidigte, sah sich jetzt gezwungen, vorab dem Unterhaltungsbedürfnis des Zuschauers Referenz zu erweisen und das Werbefernsehen irgendwie gut zu finden. Man einigte sich darauf, beide Säulen des dualen Systems zu akzeptieren und von jeder einzelnen zu erwarten, daß sie die je andere positiv beeinflusse. Aber so einfach funktioniert es nicht. Der Markt, das heißt die Masse der Zuschauer und die Zeit, die sie dem Fernsehen widmen, wächst kaum noch. Also ging’s ans Eingemachte: Bei den Öffentlich-Rechtlichen mußten die Quoten sinken, bei den Privaten konnten sie nicht rasch genug steigen. Die aggressive Nervosität des Konkurrenzgerangels prägt seither das Klima der TV-Selbstreflexion.

Klaus Bresser setzt voraus, daß die Beteiligten mit der Konkurrenzsituation fertig werden. Und so findet er zu den wesentlichen, den seriösen, den Schulmeister-Fragen zurück: Was kann Fernsehen? Wunderbare Live-Berichte mitten aus Revolutionen senden (Osteuropa 1989). Was darf Fernsehen? Alles, außer sich mit der Sensationsgier des Publikums und der Eitelkeit der Prominenten gemein machen. Was kann Fernsehen nicht? Die militärische Zensur unterlaufen oder überspielen, wie der Golfkrieg lehrte. Was will Fernsehen? Berichten, und zwar die Wahrheit.

Nüchtern und vernunftverliebt entwickelt Bresser ein kleines Kompendium journalistischer Essentials. Gebt Ruhe, sagt er, und fragt euch: Worauf kommt es eigentlich an? Was ist es, das Bestand hat – auch im flüchtigen elektronischen Medium? Schaumschlägerei hinterläßt ein unzufriedenes Publikum, Lügen fliegen auf, und hohle Pflichtübungen werden abgeschaltet. Machen wir etwas anderes: vielseitigen, gut verständlichen, meinungsstarken, konzentrierten TV-Journalismus, geboten von Profis, die ihr Handwerk beherrschen und sich nicht scheuen, zu ihrer Subjektivität zu stehen. Denn es gibt keine Offenbarung im Fernsehen, sondern nur Perspektiven, hinter denen immer einzelne stehen – mit ihrer Neugier und ihrer Kamera. "Journalismus wird immer Interpretation von Wirklichkeit sein, sagen wir doch, daß es sich um Interpretation handelt."

Die Suche nach der einzig richtigen Fernsehmachart, nach dem System, das alle Wünsche stillt, diese Suche, die so lange das unausgesprochene Ziel vieler Debatten über das Fernsehen war, ist spätestens mit Bressers Buch endgültig abgeblasen. Fernsehenmachen ist, so kann man Bresser verstehen, ein endloses Experiment, und darin liegt seine Stärke. Das heißt aber nicht, daß es keine Regeln gibt, keine aus der Erfahrung gewonnenen Maßstäbe und keine "Moral". Aber auch die sind nicht fix. Sie wandeln sich in der Zeit und in der Debatte. Einzelne können nicht mehr tun als an dieser Debatte teilnehmen. Die Debatte ist nicht mehr, als was viele einzelne aus ihr machen. "Bescheiden wir uns."

Barbara Sichtermann