KÖLN. – Irgendwann im vergangenen Jahr war es Werner Herkenrath leid. Mit zunehmender Verärgerung verfolgte der Kölner Computerfachmann und gelernte Lehrer, wie rigoros sich die osteuropäischen Länder und besonders die ehemalige DDR ihrer Geschichte zu entledigen trachteten. Daß reihenweise die Stalin- und Lenin-Denkmäler fielen – diese "symbolische Rache der Massen für die Unterdrückung" konnte er ja noch verstehen. Doch zunehmend, meint er, hätten die Säuberungen auch die falschen getroffen – zum Beispiel Karl Marx.

"Die Niederlage fortschrittlicher Gedanken darf nicht komplett sein", meint Herkenrath und gründete mit einem Dutzend Gleichgesinnter die Bürgerinitiative für die Aufstellung eines Karl-Marx-Denkmals in Köln. Sie seien keine Kommunisten, schon gar keine "Dogmatiker", wehrt Herkenrath ab, sondern einfach nur Leute, die angesichts der "herrschenden Selbstgerechtigkeit" ein Zeichen setzen wollen – Christen und Liberale, Sozialdemokraten und Gewerkschafter sind darunter.

Karl Marx sei ja "kein Realpolitiker" gewesen, sagt Herkenrath, er habe nicht wie Lenin und Stalin einen repressiven Staat gegründet. Vielmehr habe Marx "kluge Gedanken formuliert, warum einige Leute reich und andere arm sind". Vor allem aber, meint die Bürgerinitiative, sei Karl Marx ein Teil der Kölner Geschichte. Sein Wirken in der Domstadt dauerte zwar nur kurz – von 1842 bis 1843 erst als Mitarbeiter, später als Chefredakteur der linksliberalen Rheinischen Zeitung und von 1848 bis 1849 als Herausgeber der Neuen Rheinischen Zeitung, der "ersten selbständigen Zeitung des deutschen Proletariats" –, doch in dieser Zeit sei Marx "politisiert" worden, wie es Herkenrath ausdrückt.

"Karl Marx’ Wirken war in der 2000jährigen Geschichte unserer Stadt wichtig; seine Arbeit in Köln steht am Anfang seines politischen Wirkens in der Welt", weiß auch Kölns Oberbürgermeister Norbert Burger, der die Initiative für ein Marx-Denkmal begrüßt. Finanziell beteiligen könne sich die Stadt angesichts leerer Kassen jedoch nicht.

Auch die in Köln regierende SPD winkt ab, obwohl sie nichts gegen solch ein Denkmal einwendet. Aber in Sachen Karl Marx habe seine Partei schon ihren "Obolus entrichtet", sagt der Kölner SPD-Chef Kurt Uhlenbruch. Für einen Figurenreigen auf dem Ratsturm werden derzeit 124 Persönlichkeiten aus der Kölner Geschichte in Stein gehauen. Die Skulpturen, jede rund 20 000 Mark teuer, werden aus Spenden finanziert. Die SPD spendierte eine Karl-Marx-Figur und könne sich daher nicht noch an einem Denkmal beteiligen, meint Uhlenbruch.

Damit das Projekt nicht womöglich am Geld scheitert, erwägt die Bürgerinitiative nun, ein ausrangiertes Denkmal aus der ehemaligen DDR zu erwerben. Die müßten doch jetzt dort zu Spottpreisen zu haben sein, glaubt Herkenrath. Obwohl – so ein Koloß "stalinscher Ästhetik" würde in Köln vielleicht doch "eher deplaziert wirken", sinniert er. Aber er wolle mal in Chemnitz, der ehemaligen Karl-Marx-Stadt, nachfragen, ob sie nicht ein Denkmal im Angebot habe. Doch dort gibt es nur den sechs Meter hohen Karl-Marx-Kopf. Und der soll stehenbleiben.

Roland Kirbach