Von Bartholomäus Grill

Kein Tag vergeht im geeinten Deutschland, an dem nicht irgendwo Ausländer tätlich angegriffen werden. Wer aufmerksam auch die Kurzmeldungen in den Zeitungen liest, den kann der jüngste Bericht des Verfassungsschutzes nicht überraschen: Die Rechtsextremisten sind auf dem Vormarsch. Die Zahl ihrer Straftaten ist 1991 im Vergleich zum Vorjahr auf 1483 Delikte, also auf das Fünfeinhalbfache, gestiegen. Sie werfen Brandsätze in Flüchtlingsheime, sie schänden jüdische Friedhöfe, sie schlagen Asylbewerber tot. Zwei Drittel dieser Gewalttaten liegen fremdenfeindliche Motive zugrunde.

Der Bundesinnenminister verharmlost zwar die Lage nicht, aber er beruhigt dennoch: "Die Bundesrepublik Deutschland ist und bleibt ein ausländerfreundliches Land." Rudolf Seiters mag dabei wohl an jene Bürger gedacht haben, die Flüchtlinge aus Jugoslawien bei sich aufnehmen. Die Erfahrungen der Ausländerbeauftragten wollen indes nicht in dieses schöne Selbstbildnis passen.

Ein Zufall, daß sich ihre Klagen seit dem vorigen Herbst mehren? Damals johlten und klatschten die braven Leute von Hoyerswerda, als Asylbewerber aus ihrer Stadt hinausgeprügelt wurden – und nicht wenige im Lande klatschten klammheimlich mit. Im Frühjahr wählten eine Dreiviertelmillion Deutscher jene ultrarechten Parteien in die Landtage von Stuttgart und Kiel, die mit ausländerfeindlichen Parolen werben. In Umfragen bekunden immer mehr Bürger Verständnis, wenn die wehrhafte deutsche Jugend auf Ausländer losgeht. Umgekehrt glauben die Gewalttäter, den Willen der schweigenden Mehrheit zu vollstrecken, solange sie auf Claqueure zählen können. Ihr Motto: Das Volk denkt es, wir tun es.

Zwei Gründe für den Anstieg von Neonazismus und Fremdenfeindlichkeit nennen die Verfassungsschützer. Das ungelöste Asylproblem und die Arbeitslosigkeit bereiten den Boden für rechtsradikale Propaganda; ähnliche "Phänomene" seien in ganz Westeuropa zu beobachten. So besehen, ist Deutschland kein Sonderfall. Überall in Europa werden die Tore verrammelt, weil immer mehr Menschen aus den armen Teilen der Welt anklopfen, überall grassiert die Furcht vor Überfremdung. Doch sollten hierzulande die Spuren der Vergangenheit schrecken.

Deutschland zuerst, Ausländer raus: Die Hetze der Rechten kommt vor allem in den ärmeren Schichten der Gesellschaft an, bei Menschen also, die um ihre Wohnung, ihren Arbeitsplatz fürchten. Aber sie finden unterdessen auch bei wohlgesitteten, begüterten Bürgern Gehör, die keine Angst vor sozialem Abstieg haben müssen. Die Fremdenfeindlichkeit breite sich auf allen Ebenen der Gesellschaft aus, warnen Sozialforscher.

Ist das verwunderlich? Der enorme Zustrom von Ausländern, die Planlosigkeit, mit der die Politik darauf reagiert, lösen tiefes Unbehagen aus. Und so, wie Wahlkämpfe, Asyldebatten oder Diskussionen über Ausländerkriminalität neuerdings geführt werden, schüren sie die Aversionen gegen Fremde noch. In gewissen Medien wuchern Feindbilder: der Asylant, der Wirtschaftsflüchtling, die Elendsfluten. An einem sonnigen Maitag blitzte in der Bild-Zeitung die Schlagzeile "Falscher Asylant erschlug neun Frauen" – "Asylant" groß geschrieben, "falscher" ganz klein. Da ist es nicht mehr weit von der Fremdenfeindlichkeit zum Fremdenhaß.