Im Sinne meines verehrten Lehrers Ernst Robert Curtius sind alle hier Beteiligten, bin vor allem ich ungebildet; denn – so das Dictum des Meisters – "gebildet ist, wer weiß, wo er das, was er nicht weiß, nachschlagen muß". Ich hatte, das ist nun fünfzehn Jahre her, einmal geschrieben, der Philosoph Kant sei als Fünfzigjähriger mit "ehrwürdiger Greis" angeredet worden. Ich erinnere mich genau, wie mich das als Schüler sehr verwirrt hat. Denn von dem gleichen Kant stand ja bei Herder zu lesen: "Er hatte die fröhliche Munterkeit eines Jünglings, die, wie ich glaube, ihn auch in sein spätestes Alter begleitet." Und mit fünfzig hatte Kant mehr als ein Drittel seines Lebens ja noch vor sich.

Aber wo hatte ich es her? ZEIT-Leser wollen so etwas wissen. Am ausdauerndsten wißbegierig war der Staatssekretär a.D. Dr.jur. Günter Steinhäuser. Ich konnte ihm keine Auskunft geben (siehe oben unter "ungebildet"). Er fragte dann alle, deren er habhaft werden konnte, und am Ende die Sprachberatung der Gesellschaft für Deutsche Sprache, die im Heft 5 ihres Sprachdienst sogar eine Preisaufgabe daraus machte – ohne nennenswertes Ergebnis.

Hier ein letzter Versuch, diejenige oder denjenigen zu finden, die wissen, in welcher der ihnen zugänglichen Kant-Biographien sie nachschlagen müssen. Dazu zwei Hilfen: 1. Das Greisen-Zitat, übrigens damals eine ganz übliche Anredeform, stand in einer akademischen Laudatio, sei es zu Kants fünfzigstem Geburtstag, sei es anläßlich seiner Wahl zum Rektor der Universität Königsberg (da war er freilich schon 65). 2. Akademische Reden wurden damals und bis in unser Jahrhundert hinein auf lateinisch gehalten; es dürfte also senex venerabilis (oder so ähnlich) geheißen haben.

Nun ist natürlich nicht völlig auszuschließen, daß ich mir die ganze Königsberger Preisrede nur eingebildet habe. Aber das über fünfzig Jahre hinweg? Und man mag sich ja einbilden, daß der eigene Freund eine Zierde der Menschheit ist oder auch daß der Mond aus grünem Käse besteht – wer jedoch bildet sich eine Laudatio für Immanuel Kant ein?

Der im umfassenden Sinne eines Ernst Robert Curtius gebildete Leser wird gesucht.

Rudolf Walter Leonhardt