ZDF, Donnerstag, 13. August: "Deutschland lacht"

Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Daß dieser Satz stimmt, beweisen Fernsehsendungen, die das Gelächter vorab, in Ansage, Titel oder Moderation, gleichsam garantieren wollen. So was funktioniert nie. Es fehlt der Widerstand, von dem sich die Lachkaskade abstoßen, über den sie hinausschießen, unter dem sie hervorplatzen könnte. Es fehlt das "trotzdem".

Unterhaltungssendungen, die etwa mit der klassischen Wendung "Angriff auf Ihre Lachmuskeln" annonciert werden oder gar "die witzige Show" heißen, sind in aller Regel zum Weinen unkomisch. "Deutschland lacht", eine Witze-erzähl-Show, die letzte Woche im ZDF Premiere hatte, war keine Ausnahme. Sie zeigte: Deutscher Humor ist, wenn man nicht trotzdem, sondern eben drum lacht. Wodrum? Weil’s halt sein soll. Weil’s ’ne Ulk-Sendung ist und Lachen dazugehört. Auf dem Schulhof, in der Kantine, am Kneipen-Tresen erzeugt die zum Lachen verschworene Gruppe ein "trotzdem" in ihrem Abschied vom Ernst der Lage. In einem Fernsehstudio mit Millionenpublikum läßt sich so ein Klima subversiver Albernheit nicht wiederholen. Lachen setzt Überraschung voraus. Wo die fehlt und fehlen muß – denn man weiß: es läuft "die witzige Show", und "Deutschland lacht" –, kippt der Humor in verordnete Wohllaunigkeit um. Und die ist nur ein anderes Wort für Schnarchsack.

Vielleicht hat Deutschland ja wirklich gelacht. Aber die Leute? Kaum vorstellbar, daß so ein fader Fez eine relevante Anzahl von Couch-potatoes zum Quietschen gebracht hat. Der einzige Witz, der mir gefiel, wurde auch noch von dem per Tastendruck über die Klasse der Pointen abstimmenden Saalpublikum als "Flop" abgelehnt. Er ging so: Zwei alte Leipziger, der eine hört nicht mehr gut, sitzen auf einer Bank. Sagt der eine: "Was bauen die denn da?" Der andere: "So ’n Transformatorenhäuschen." – "Hä?" – "So ’n Transformatorenhäuschen." – "Ja, für die Brüder hamse Wohnungen." – Die restlichen hundert Witze, ich schwöre, waren noch blöder. Witze dürfen blöd sein. Aber daß die ganz besondere Stimmung, in der man gern über blöde Witze grient, im Fernsehen aufkommen kann, darf bezweifelt werden. Wer weiß, vielleicht wird der Colgate-Marketing-Abteilung das auch bald klar, und sie ruft ihren Spot aus "Deutschland lacht" zurück. Ja, diese Show ist eine von Werbung unterbrochene Sendung im Abendprogramm. Es ist soweit! Statt daß sich die Öffentlich-Rechtlichen, wie von Medienkritikern wiederholt gefordert, auf ein Qualitätsfernsehen besinnen, wie es in die prime time gehörte, fahren sie damit fort, in der Hauptsendezeit den Quark der Privatsender zu unterbieten. Witze sammeln und von Margarete Schreinemakers wiedererzählen lassen – diese Idee hätte Sat 1 nicht übel angestanden. Im ZDF aber lehrte uns Karoline Reinhardt sogar im Sommerloch den Horror vacui.

Die junge Schöne machte tapfer vor, was hier gewünscht war: kichern, prusten, sich beölen – und wirkte deshalb niemals komisch, sondern rührend, auch als sie für die nächste Folge Witze mit mehr "Schärfe" in Aussicht stellte.

Die Schärfe dieser zwischen Schlafraum und Klos angesiedelten "deutschen Witze" ist die des konzentrierten Uringeruchs, und wenn das so weiter geht, wird die Mattscheibe lernen zu stinken.

Barbara Sichtermann