Der Schock fiel in die Vorbereitungen zu seinem 80. Geburtstag: Der wichtigste Erneuerer unseres musikalischen Denkens, Hörens und Handelns, der Entdecker der Stille wie des Lauten in und um uns ist tot; Künstler und Freunde gedenken seiner

Allan Kaprow

Es hat mich immer interessiert zu sehen, inwieweit die Innovationen von Künstlern virulent bleiben. Denn in einem entscheidenden Sinn ist ja das Wachstumsvermögen einer neuen Bewegung, ihre Fähigkeit, sich weiter zu verzweigen, der Maßstab für ihren Wert. Und das ist es auch, was eine wirklich fruchtbare Idee von einem bloßen Gag unterscheidet...

In welcher Weise war John Cage fruchtbar für die Künste, abgesehen einmal von seinem Einfluß auf die Musik? Von meiner Position aus gesehen, sind es zwei prinzipiell experimentelle Vorstöße, die Cage im Gebiet der Musik gemacht hat. Der eine ist die kontinuierliche Verwendung von Zufallsoperationen bei der Auswahl und Setzung der Töne ebenso wie bei der Entscheidung über die Länge eines Stücks. Der andere ist die Einbeziehung von Lärm in die Komposition als ein den konventionellen Tönen ebenbürtiges Element.

Es ist bekannt, daß das intensive Interesse sowohl am Zufall wie auch an nichtkünstlerischen Materialien schon in früheren Jahren quer durch die Künste spürbar war. Aber die Art von Cage, sich in den vierziger und fünfziger Jahren ganz darauf zu konzentrieren, war durchdachter und systematischer. Und vielleicht war der geschichtliche Moment auch besser, die Zeit rezeptiver. Künstler aus allen Bereichen wurden durch seine Arbeit beeinflußt, zahllose Studenten kamen in seine Klassen (ich war einer von ihnen). Und jedem war sofort klar, daß diese seine Vorstöße in der Musik auch systematisch transponiert werden konnten in die anderen Gebiete der Kunst. Aber die für mein Empfinden noch interessantere Möglichkeit war die, Cages Ideen über die Grenzen aller einzelnen Genres der Kunst hinaus zu führen.

Zum Beispiel: Wenn Zufallsoperationen und die Verwendung von Lärm Fragmente von Beethoven und Kratzgeräusche zu einem Stück Musik zusammenfügen können, dann müssen solche Zufallsoperationen auch die verschiedenen Gattungen der Kunst isolieren und zusammenbringen können. Aber natürlich gab es dabei auch Probleme. Ein Zufallsplan, demzufolge ein Stück gleichzeitig in einem Konzertsaal, einem Museum und einer Küche aufgeführt werden sollte, könnte nicht funktionieren. Aus ganz praktischen Gründen müßte eine Entscheidung getroffen werden. Mit anderen Worten, die Zufallsmethode war wunderbar produktiv in der Art, wie sie neue Hörerlebnisse erlaubte. Aber die Art ihrer Praktizierung war bei Cage immer letztlich seine ganz eigene Angelegenheit und immer von dem Publikum und der Konzertsituation insgesamt abhängig.

Da ich ganz praktische Entscheidungen darüber zu treffen hatte, auf welchen Gebieten man sich überhaupt bewegen konnte, bedeuteten die Zufälligkeit und Unkontrollierbarkeit im Alltäglichen das attraktive Unbekannte im Vergleich zu den üblichen Museen, Bühnen und Kunstdarbietungen. Nachdem man einmal auf der Straße war oder am Telephon, konnten die Zufallsoperationen natürlich leicht angewendet werden. Nach einiger Zeit allerdings war die schiere Menge unerwarteter Details und Ergebnisse so viel größer als das, was eine Zufallspartitur hätte bewältigen können, daß die Anstrengung, den Geschmack oder die Entscheidung loszuwerden, sich sowieso erübrigte. Ein einfacher Plan war genug: "Mach einen Spaziergang von drei Stunden, nach jeweils hundert Schritten eine Wendung nach links ..." Angenommmen, links steht eine Mauer oder die Autos rasen vorbei? Sofort muß eine Entscheidung getroffen werden.