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HANNOVER. – Später Vormittag im Hafen von Rasa. Das Thermometer zeigt 35 Grad im Schatten. Im Hafen der kroatischen Mittelmeerstadt liegt ein Schiff vor Anker, das schon rund 1000 Bullen geladen hat. Die Reise der Tiere wird auf einem Schlachthof im Libanon enden. Mit Stöcken und sogenannten Elektrostacheln treiben Männer immer mehr Rinder in den engen Laderaum. Es ist Platz für 2000. Viele der Bullen, die zum größten Teil aus deutschen Landen kommen, warten schon länger als achtzehn Stunden auf ihre Abfertigung. Vier Rinder aus Mecklenburg haben die Wartezeit in der Bullenhitze nicht überlebt. Sie liegen tot zwischen ihren dichtgedrängten Artgenossen auf dem Transporter. Noch weitere drei Tiere dieser Fuhre kommen nicht mit aufs Schiff. Sie müssen im siebzig Kilometer entfernten Rijeka notgeschlachtet werden. Während sie apathisch ins Leere starren, brüllen die andern vor Hitze, Hunger und Durst.

"Die Tiere dieses Transports waren am frühen Vormittag des 22. 5. 1992 in Mecklenburg geladen und mehr als 72 Stunden nicht getränkt worden", heißt es im Bericht von Hermann Focke, Veterinärdirektor im niedersächsischen Landkreis Cloppenburg. "Zurück in Deutschland wurde die entsprechende Speditionsfirma nach eventuellen Transportverlusten befragt. Die stolze Antwort des Firmenchefs: ‚Herr Doktor, bei 10 000 transportierten Rindern hatten wir nur einen Totalverlust.‘"

Gestempelt wird immer

Kreistierarzt Focke, der auf eigene Faust ans Mittelmeer gereist war, um die Einhaltung von Tierschutzvorschriften beim Bullenexport zu überprüfen, wußte es besser. Er stieg auf die Anhänger, er befragte die Fahrer in der Hafenkantine, überprüfte deren Routen und Angaben über Tränk- und Futterstationen. Was er herausfand und in seinem Bericht festhielt, verschlägt selbst hartgesottenen Agrarbeamten die Sprache: Mehr als siebzig Stunden sind demnach Rinder und Schafe aus Norddeutschland durch Europa gekarrt worden, ohne Wasser oder Futter. Kein Ausnahmefall, sondern eher die Regel. Bescheinigungen über Tränkvorrichtungen auf den Transportern und Tränkstationen entlang der Routen erwiesen sich vielfach als gefälscht. An einer vielbefahrenen Strecke auf dem Weg zum östlichen Mittelmeer gab es überhaupt nur eine einzige "Versorgungsstelle": Hustopece, ein gottverlassener Hof an der Autobahn Brunn-Bratislawa.

Focke traf dort drei tschechische Frauen beim Kaffeetrinken an. Als man ihm die Tränkeinrichtung zeigte, traute er seinen Augen nicht: "Ein zwölf Meter langer Feuerwehrschlauch", heißt es in seinem Bericht. "Keine Trinkgefäße, nichts." Nur die Bürokratie funktionierte: Jedem Fahrer wurde per amtlichem Formular samt Stempel bescheinigt, seine lebende Fracht ordnungsgemäß getränkt und gefüttert zu haben.

Als Leiter des Cloppenburger Veterinäramtes hatte Focke zuvor mit Bescheinigungen dieser Art von Amts wegen zu tun gehabt. Bei grenzüberschreitenden Tiertransporten, die länger als 24 Stunden dauern, ist der Amtstierarzt in Niedersachsen verpflichtet, den Nachweis einer "Versorgungsstelle" zu verlangen – ohne Nachweis keine Zollpapiere. Die Spediteure hatten damit offenbar keine Probleme. Der Veterinärdirektor aber wurde mißtrauisch. Er forschte nach, sowohl bei Transportunternehmen als auch im niedersächsischen Landwirtschaftsministerium – ohne Erfolg. Die Viehhändler beteuerten, daß alles seine Ordnung habe, die Ministerialbeamten baten um Geduld. Trotzdem hatte die rapide steigende Zahl von Schlachtrindertransporten aus dem Kreis Cloppenburg in den Nahen Osten dem Veterinär keine Ruhe gelassen – zu Recht, wie sich an Ort und Stelle erwies.

Lukrativ ist der Bullenexport nicht in erster Linie der hohen Preise wegen, die in Ägypten, Saudi-Arabien oder im Libanon für deutsches Rindvieh gezahlt werden. Der Transfer quer durch Europa lohnt sich vor allem durch Subventionen der Europäischen Gemeinschaft: Rund 860 Mark erhalten die Exporteure für einen 10-Zentner-Bullen als Sonderprämie aus der EG-Kasse. Bei zwanzig bis dreißig Tieren kommt so ein stattlicher Betrag zwischen 15 000 und 25 000 Mark pro Fuhre zusammen. Mit Hilfe dieser sogenannten Exporterstattung soll der Fleischmarkt der EG entlastet werden.

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Kiechle wartet ab

Als besonders aufnahmefähig haben sich die arabischen Staaten erwiesen. Dabei nehmen die deutschen Händler gern in Kauf, daß ihre Handelspartner die Tiere nach muslimischen Ritus selbst schlachten wollen und liefern lebendiges Vieh statt Gefrierfleisch. Denn das Aufschlitzen der Halsschlagader ohne vorherige Betäubung, das Schächten, ist auf deutschen Schlachthöfen tabu. Doch der Tod beim Schächten kommt schnell. Ungleich qualvoller für die Tiere ist, was ihnen auf dem langen Transportweg zugemutet wird – auf dem Anhänger und im Laderaum der Schiffe.

Daran wird sich wohl auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle hat bisher keine Anstalten unternommen, sich in Brüssel für die Abschaffung der umstrittenen EG-Prämie einzusetzen. Niedersachsen hatte dies zwar gefordert, aber auch im Landwirtschaftsministerium von Hannover läßt offenbar manches zu wünschen übrig. Wolfgang Apel, Vizepräsident des Deutschen Tierschutzbundes, warf den Ministerialbeamten jüngst vor, zögerlich und untätig zu verharren. Obwohl schon im April dieses Jahres Verstöße ruchbar geworden seien, habe das Ministerium lange nichts getan. Ausgerechnet der Landkreis Cloppenburg, europäische Hochburg der Massentierhalter, übernahm schließlich die Vorreiterrolle, verschärfte die Auflagen und weigerte sich grundsätzlich, weiterhin Viehtransporte nach Rasa abzufertigen. Kreis-Veterinär Focke weiß jedoch, daß die Exporteure auf einen Nachbarkreis auswichen und sich dort noch im Juli die Zollpapiere für acht Schlachtviehtransporte besorgten.

Damit soll es in Niedersachsen jetzt vorbei sein. Aufgeschreckt durch den Focke-Bericht hatte Ministerpräsident Gerhard Schröder noch aus dem Urlaub seine Agrarbeamten in die Staatskanzlei beordert, um die Vorwürfe der Tierschützer zu prüfen.

Er zeigte sich zufrieden: Wenige Tage zuvor hatte des Landwirtschaftsministerium bereits einen neuen Erlaß erarbeitet. Er soll dafür sorgen, daß künftig alle niedersächsischen Landkreise Viehtransporte nur noch dann abfertigen, wenn nachgewiesen ist, daß die angegebenen Tränkstationen auch tatsächlich funktionieren. Außerdem müssen sich die Spediteure von Amtstierärzten in den Mittelmeerhäfen bescheinigen lassen, daß ihre lebende Fracht gut angekommen ist. Doch sogar im Ministerium bezweifelt man, daß der neue Erlaß sehr viel mehr bringt als neue Gefälligkeitsbescheinigungen.

Einzig wirksamer Schritt im Kampf gegen die Schlachtvieh-Tort(o)uren wäre nach Ansicht der niedersächsischen Landesregierung ein zeitliches Limit für die Transporte. Auf dem Wege einer Bundesratsinitiative will sich das Land dafür einsetzen, daß künftig kein Tier mehr länger als acht Stunden über die Straßen gekarrt werden darf. Große Chancen räumen die Experten aber auch diesem publikumswirksamen Vorstoß nicht ein. Um zu verhindern, daß die Exporteure von lebendigem Vieh auf andere Bundesländer ausweichen, will Schröder umgehend die übrigen Ministerpräsidenten auffordern, das "Cloppenburger Modell" zu übernehmen. Heinrich Thies