Kiechle wartet ab

Als besonders aufnahmefähig haben sich die arabischen Staaten erwiesen. Dabei nehmen die deutschen Händler gern in Kauf, daß ihre Handelspartner die Tiere nach muslimischen Ritus selbst schlachten wollen und liefern lebendiges Vieh statt Gefrierfleisch. Denn das Aufschlitzen der Halsschlagader ohne vorherige Betäubung, das Schächten, ist auf deutschen Schlachthöfen tabu. Doch der Tod beim Schächten kommt schnell. Ungleich qualvoller für die Tiere ist, was ihnen auf dem langen Transportweg zugemutet wird – auf dem Anhänger und im Laderaum der Schiffe.

Daran wird sich wohl auch in absehbarer Zeit nichts ändern. Bundeslandwirtschaftsminister Ignaz Kiechle hat bisher keine Anstalten unternommen, sich in Brüssel für die Abschaffung der umstrittenen EG-Prämie einzusetzen. Niedersachsen hatte dies zwar gefordert, aber auch im Landwirtschaftsministerium von Hannover läßt offenbar manches zu wünschen übrig. Wolfgang Apel, Vizepräsident des Deutschen Tierschutzbundes, warf den Ministerialbeamten jüngst vor, zögerlich und untätig zu verharren. Obwohl schon im April dieses Jahres Verstöße ruchbar geworden seien, habe das Ministerium lange nichts getan. Ausgerechnet der Landkreis Cloppenburg, europäische Hochburg der Massentierhalter, übernahm schließlich die Vorreiterrolle, verschärfte die Auflagen und weigerte sich grundsätzlich, weiterhin Viehtransporte nach Rasa abzufertigen. Kreis-Veterinär Focke weiß jedoch, daß die Exporteure auf einen Nachbarkreis auswichen und sich dort noch im Juli die Zollpapiere für acht Schlachtviehtransporte besorgten.

Damit soll es in Niedersachsen jetzt vorbei sein. Aufgeschreckt durch den Focke-Bericht hatte Ministerpräsident Gerhard Schröder noch aus dem Urlaub seine Agrarbeamten in die Staatskanzlei beordert, um die Vorwürfe der Tierschützer zu prüfen.

Er zeigte sich zufrieden: Wenige Tage zuvor hatte des Landwirtschaftsministerium bereits einen neuen Erlaß erarbeitet. Er soll dafür sorgen, daß künftig alle niedersächsischen Landkreise Viehtransporte nur noch dann abfertigen, wenn nachgewiesen ist, daß die angegebenen Tränkstationen auch tatsächlich funktionieren. Außerdem müssen sich die Spediteure von Amtstierärzten in den Mittelmeerhäfen bescheinigen lassen, daß ihre lebende Fracht gut angekommen ist. Doch sogar im Ministerium bezweifelt man, daß der neue Erlaß sehr viel mehr bringt als neue Gefälligkeitsbescheinigungen.

Einzig wirksamer Schritt im Kampf gegen die Schlachtvieh-Tort(o)uren wäre nach Ansicht der niedersächsischen Landesregierung ein zeitliches Limit für die Transporte. Auf dem Wege einer Bundesratsinitiative will sich das Land dafür einsetzen, daß künftig kein Tier mehr länger als acht Stunden über die Straßen gekarrt werden darf. Große Chancen räumen die Experten aber auch diesem publikumswirksamen Vorstoß nicht ein. Um zu verhindern, daß die Exporteure von lebendigem Vieh auf andere Bundesländer ausweichen, will Schröder umgehend die übrigen Ministerpräsidenten auffordern, das "Cloppenburger Modell" zu übernehmen. Heinrich Thies