Der Doyen der amerikanischen liberalen Historiker, Arthur M. Schlesinger, hat zur Feder gegriffen, um in einer Streitschrift vor einem neuen Ethnozentrismus und dessen negative Auswirkungen auf die amerikanische Einheit zu warnen. Anlaß ist ein neuer Kult der Ethnizität, der in besonders krasser Form in einigen neuen Büchern schwarzer Historiker zum Ausdruck kommt. In die Schlagzeilen geraten ist insbesondere Leonard Jeffries vom City College of New York, der in den Curricula der amerikanischen Schulen einen "tiefsitzenden, krankhaften Rassenhaß" entdeckt hat und Europäer als kalte, materialistische "Eis-Menschen" darstellt, während für ihn Afrika die Geburtsstätte warmer, gemeinschaftsorientierter "Sonnen-Menschen" ist.

Schlesinger wendet sich nicht gegen einen kulturellen Pluralismus und ein multikulturelles Curriculum; was er für gefährlich erachtet, sind die Auswüchse des Ethnozentrismus, insbesondere des amerikanischen Afrozentrismus. Es wird hier häufig die Fiktion einer einheitlichen afrikanischen Kultur konstruiert, um das Selbstwertgefühl der Schwarzen zu stärken, und das in einer Zeit, in der sie von neuen Einwanderern aus Lateinamerika und Asien bereits weitgehend sozialökonomisch überholt worden sind. "Der Kult der Ethnizität übertreibt Unterschiede, intensiviert Ressentiments und Konflikte und vertieft die Kluft zwischen Rassen und Nationalitäten", schreibt Schlesinger. Das Resultat – Selbstghettoisierung – sei kontraproduktiv. Biologischer Determinismus, wie er von Vertretern der afrozentrischen Geschichtsschreibung vertreten werde, unterscheide sich kaum von den rassistischen Rechtfertigungen der Sklaverei früherer Zeiten.

Separatistische Impulse beschränken sich aber nicht auf die schwarze Bevölkerungsgruppe. Ein anderer Ausdruck des Ethnozentrismus ist die Bewegung zur Förderung der Zweisprachigkeit durch die hispanische Bevölkerung. Schlesinger macht jedoch deutlich, wie wichtig eine gemeinsame Sprache für die segmentierte Gesellschaft Amerikas ist. Sie sei das Band, das die verschiedenen Kulturen verbindet, und die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Partizipation in Gesellschaft und Politik.

Kultureller Pluralismus ist Ursache und Ausdruck der anhaltenden Vitalität der Vereinigten Staaten. Schlesinger hat recht: Eine multikulturelle Gesellschaft ist in Gefahr, wenn die Bürger ihre Identität aus einer rassisch definierten Gruppe beziehen, wenn Gruppenrechte an die Stelle grundlegender Individualrechte treten. Vielvölkerrepubliken können nur auf der Grundlage der Toleranz und der Vielfalt der Kulturen gedeihen. Ethnische Konflikte, häufig in aller Brutalität ausgetragen, hat es in den USA immer gegeben. Aber der "romantische Ethnizismus", wie Myrdal es nannte, ist keine Massenbewegung, sondern eine elitäre Erscheinung, die von einigen Ideologen getragen wird. Sie wird wohl ebensowenig die Einheit der Vereinigten Staaten gefährden wie die Rassenkonflikte in früheren Jahren.

Herbert Dittgen

  • Arthur M. Schlesinger Jr:

The Disuniting of America

Reflections on a Multicultural Society; Whittle Direct Books, Knoxville, Tenn. 1991; 91 S., 11,95 Dollar