Von Fredy Gsteiger

Jerusalem/Amman

Die Begegnung findet an der Tankstelle statt. Ein bekannter israelischer Journalist, der seine Sympathie für die Linksparteien nie verhehlt hat, trifft einen Abgeordneten der stramm rechten Likud-Partei von Jitzhak Schamir. Auf die Frage, wie es ihm gehe, erwidert der Journalist: "Ausgezeichnet! Gewiß viel besser als Ihnen nach Ihrer Wahlschlappe." – "Ach wo", gibt der Likud-Mann zurück, "ich war doch schon längst der Meinung, daß Schamir abgelöst werden sollte. Nun bin ich erleichtert." Daß er den alten Ministerpräsidenten lieber in einer internen Rochade ausgewechselt gesehen hätte als in einer Wahlniederlage, räumt er ein.

Schamir selber deklariert den Verlust der Macht als Betriebsunfall und bleibt auch als Oppositionsführer unversöhnlich: "Es ist jetzt nicht die Zeit, Prinzipien und die Ideale über Bord zu werfen. Wer ein schwaches Herz hat, soll gehen." Die Bemerkung war auf seinen langjährigen Getreuen, Mosche Arens, gemünzt. Der hatte sich nach der Niederlage enttäuscht aus der Politik verabschiedet, weil er sich mit dem Likud keinen Aufbruch zu neuen Ufern mehr vorstellen konnte: "Unsere Partei hat nicht verstanden, daß das Volk den Frieden will und bereit ist, einen Preis dafür zu bezahlen."

Noch steht der geschlagene Schamir nicht allein – aber es wird einsamer um ihn. Eben 8000 Demonstranten brachten die Nationalisten in Jerusalem zusammen, Anhänger der Überzeugung, daß Israel alles Land gehört, "darauf eure Fußsohle tritt" (5. Buch Mose). Benjamin Netanyahu war unter ihnen, einer der vielen, die um Schamirs Nachfolge buhlen. Ihn erinnert die versöhnungswillige Politik des neuen Regierungschefs Jitzhak Rabin an die Geschichte der beiden Männer, die beide einen Gebetsmantel besitzen wollen. "Er gehört mir", sagt der eine. Worauf der andere sagt: "Ja, er gehört dir."

Natürlich war auch der rechte Polterer vom Dienst, Ariel Scharon, zugegen: "Autonomie soll die Mutter aller Antworten sein?" fragt er spöttisch. Doch seine Argumente werden immer dünner: Was geschieht, wenn die Palästinenser autonom beschließen, ihr Vieh nicht mehr gegen die Maul- und Klauenseuche zu impfen? Und: Soll ein Jude, der in Judäa zu schnell fährt, bald im von Arabern verwalteten Gefängnis von Nablus schmoren müssen?

Noch zögern jüngere, versöhnlicher gesonnene Likudniks, den alten Kämpen entgegenzutreten. Die Nationalisten mobilisieren ihre letzten Kräfte. Allzu beeindruckend sind diese nicht. "Andere Maßnahmen" werden deswegen vereinzelt angedroht, Gewalt als Politikersatz. So mancher Soldat bangt, ob er wohl dereinst gegen bewaffnete jüdische Rechtsextreme wird vorgehen müssen. Die neuen Minister für Wohnungsbau und Finanzen, die für den Stopp des Siedlungsbaus in den besetzten Gebieten verantwortlich gemacht werden, stehen rund um die Uhr unter dem Schutz des Sicherheitsdienstes. Sie wurden wiederholt von anonymen Anrufern eingeschüchtert.