Liebesgeschichten eigener Art, Liebesgeschichten mit Fragezeichen, hat die Schweizer Journalistin Cristina Karrer aufgezeichnet. Es ist ein vor allem für Frauen wichtiges Buch daraus geworden, keine bequeme Lektüre: "Liebesgeschichten? Schweizerinnen und Asylbewerber" (Scalo-Verlag, Berlin 1992, 141 Seiten, 29,80 Mark).

Cristina Karrer berichtet über Beobachtungen in einem Schweizer Durchgangslager für Asylbewerber, wo sich Schweizerinnen aus diversen Gründen an die ausländischen Männer heranmachten – "ja wirklich heranmachten". Auch die Autorin hätte beinahe einen kurdischen Asylbewerber geheiratet, weil sie glaubte, damit gegen die juristischen Fußangeln der Asylregelung in der Schweiz opponieren zu können und es überdies reizvoll fand, einen Mann aus einem anderen Kulturkreis "unverbindlich und unverliebt" zu ehelichen: "Ich hätte dann beides gehabt, ein unabhängiges Dasein und im Hintergrund, quasi auf sicher, einen Mann, der noch weiß, was Loyalität heißt und was Verbindlichkeit."

Zum Glück für den Asylanten fand die Heirat nicht statt. Aber das Traumspiel wurde Anlaß für Interviews mit Schweizerinnen, die einen asylsuchenden Ausländer zum Partner wählten. Aus den Interviews entstand das Buch.

Von dreißig befragten Frauen erklärten sich neun mit der Veröffentlichung der Gespräche einverstanden. Von irgend einem gesellschaftlichen Druck bezüglich ihrer ungewöhnlichen Beziehung war dabei nicht die Rede. Sie erzählten einfach eine Liebesgeschichte mit mehreren Fragezeichen.

In dem exotischen Mann glaubten die Frauen den geeigneten Partner für Sexualität und Alltag gefunden zu haben, jedenfalls glaubten sie das zu Beginn der Beziehung. Sie trafen auf einen Menschen, der Krieg, Gefängnisse, Mißhandlungen, Flucht nicht bloß vom Hörensagen kannte. Als erregend wurde die eigene Machtposition empfunden, denn vom Heiratswillen der Frauen hing es ab, ob der Asylbewerber Daueraufenthalt in der Schweiz erhielt.

Susanna, mit Jean aus Zaire verheiratet, offenbarte knapp: "Wenn ich etwas fürchte, dann ist es der Tag, an dem ich vielleicht einmal die Scheidung einreichen will. Nehme ich Jean heute beim Wort, so heißt Heiraten für ihn: lebenslänglich Zusammensein. Daß ich unsere Ehe als befristet betrachte, habe ich ihm nie mitgeteilt. Eines Tages werde ich wahrscheinlich nicht darum herumkommen, und dann werde ich ihn auch verletzen müssen."

In einem Nachwort zu den Interviews weist die Anthropologin Katharina Steffen darauf hin, daß Liebe weder die bewußten noch die unbewußten Vorurteile beiderseits gegen die Fremdartigkeit des Partners aufzulösen vermag. Daraus resultieren Ängste – "die Angst, mißbraucht, übers Ohr gehauen, für dumm verkauft zu werden, die Angst davor, dem anderen ausgeliefert zu sein, bis aufs Messer, bis aufs Blut". Diese psychischen Peinigungen wechseln – in der Liebe nicht unüblich – mit Hochgefühlen, die dem Partner bewundernswürdige Tugenden zuerkennen oder ihn gedanklich mit solchen ausstatten.