Von Margrit Sprecher

Die ernsthaften Krawattenträger, die geschäftig im Polizeipräsidium herumeilen, würden viel besser in sein Büro passen. Ja, noch schlimmer: Wenn sich der junge Mann im karierten Hemd – eine unauffällige Mischung aus Pfadfinderführer und Musterstudent – so selbstverständlich ans Kopfende des Sitzungstisches wirft, ertappt man sich beim Gedanken: Darf denn der das?

Er kann es ja selbst noch kaum glauben. Denn seine Chance, Chef des Zuger Justiz- und Polizeidepartements zu werden, standen etwa gleich gut wie die eines tauben, gelähmten Pianisten auf eine Weltkarriere.

Zu zahlreich waren die Handicaps. Zwar kannte Hanspeter Uster, 33, die Polizei bestens – allerdings von der Gegenseite, als versierter Hausbesetzer und eifriger Teilnehmer an bewilligten und unbewilligten Demonstrationen. Zwar wußte er auch über die Politiker Bescheid – aber als Klassenfeinde, die es bei ihren trüben Machenschaften zu stören und schließlich zu entmachten galt.

Als wären dies noch nicht genügend Hemmnisse, ist er in einem Kanton, der als so katholisch und konservativ wie Bayern gilt, evangelisch und lebt mit einer Lehrerin für Sonderschulklassen im Konkubinat; gehört er in der Innerschweiz, so militaristisch gesinnt wie das Pentagon, zu den eifrigsten Unterschriftensammlern für eine "Schweiz ohne Armee".

Kein Wunder, daß alle Zuger Rechtsanwälte vor einer Anstellung des Jungjuristen zurückzuckten. Nicht nur seine bloße Gegenwart schien ihnen geschäftsschädigend, er besaß auch noch ein lästiges Berufsethos: Niemals einen Stärkeren gegen einen Schwächeren verteidigen. An eine Stelle als Beamter dachte Hanspeter Uster nicht einmal im Traum. Eher hätte der Vatikan dem Teufel einen Job als Chorknabe angeboten.

Eine Art Vatikan ist der Kanton Zug mit seinen 90 000 Einwohnern tatsächlich, ein Vatikan für Kapitalisten. In die Steueroase flüchten nicht nur Schweizer, sondern auch bislang 1400 ausländische Firmen, vom Amerikaner Marc Rich, in den USA zur Fahndung ausgeschrieben, bis zur deutschen Metro-Gruppe. Zu unwiderstehlich wirkt auf viele Großverdiener das Zuger Angebot, den im Ausland erwirtschafteten Gewinn nur teilweise versteuern zu müssen. Da sich auch Geldwäscher und Schwarzgeld-Händler hier besonders wohl fühlen und wenigstens einen Briefkasten in Zug haben wollen, gerät der Kanton immer wieder in die Schlagzeilen, metastasieren die gläsernen Bürotürme immer ungenierter aus der Altstadt hinaus auf die grünen Wiesen.