Von Mária Huber

Moskau

Selenodolsk an der Wolga ist eine Stadt wie hundert andere in der früheren Sowjetunion. Jahrzehntelang im gläsernen Sarg der Militärs: geschlossen, fast friedlich ruhend, vom Besuch eines ersten westlichen Journalisten irritiert. Die Mehrheit der 100 000 Einwohner arbeitet für Rüstungsbetriebe. Der größte Arbeitgeber mit über 15 000 Beschäftigten stellt Patronen für Schnellfeuerwaffen her. Und Kühlschränke. Alle Lager sind randvoll mit Munition. Wie viele Aufträge der Staat noch erteilt, wie viele Kunden die Firma noch halten kann, steht in den Sternen. "Jede dritte Wohnung in der Stadt gehört uns", sagt Generaldirektor Oleg Fillipow, "zwölf Kindergärten, Krankenhaus, Tageskliniken, das Stadion. Ohne Kredite sind wir mit solchen Sozialleistungen nicht mehr konkurrenzfähig." Wenn sein Unternehmen schließt, ist die ganze Stadt am Ende.

Wer aus Selenodolsk zurückkehrt, versteht Arkadij Wolskij besser. Der sechzigjährige Präsident des Moskauer Industriellenverbandes ist zur Schlüsselfigur in der Krise der russischen Reformen geworden. Betriebe und Beschäftigte, die seit Monaten keinen Rubel mehr erhalten haben, Manager und Militärs, Opfer der Preisexplosionen und Gegner der Marktwirtschaft, Pragmatiker und Patrioten wollen ihn ins Amt des Ministerpräsidenten loben. Nach der gescheiterten liberalen Roßkur soll er die Karre wenigstens wieder auf den eingefahrenen Weg der Staatswirtschaft zurücklenken – weg von den nicht tragfähigen Privatisierungsplänen.

Alle Großunternehmen, so hätten es die Anhänger Wolskijs gerne, werden ohne Rücksicht auf Effektivität und Absatzmärkte wieder mit Riesenkrediten vor der Pleite gerettet. Die Lücke im Staatshaushalt wird zum schwarzen Loch. Die russische Zentralbank ist zu dieser Politik bereits zurückgekehrt. Inflation ohne Grenzen?

Arkadij Wolskij, der in einem Nebengebäude des einstigen KPdSU-Hauptquartiers am Alten Platz residiert, verdreht die Augen zur Decke, als lese er von dort das Menetekel ab: "Was heißt Inflation, wenn andernfalls die Betriebe verschwinden und die von ihnen abhängigen Städte und Regionen ins Elend versinken?" Trotz seines Engagements spricht er ruhig, getragen, mit dunklem Timbre. Schrille Töne hat er stets vermieden.

Auch als Schatten-Premier hütet er sich vor platter Besserwisserei und plumper Polemik. Über Regierungschef Jegor Gajdar, der mit seiner Schocktherapie nach den Rezepten des Internationalen Währungsfonds zum Prügelknaben der Nation geworden ist, meint Wolskij: "Ein hochintelligenter junger Mann, als er noch beim Kommunist und bei der Prawda war. Aber er ist ein Romantiker." Wolskij drückt diese Ironie so väterlich-wohlwollend aus, als sei er in Gedanken bei seinen drei Enkelkindern.