WDR, Freitag, 21. August, bis Samstag, 29. August, jeweils nach 22 Uhr: "Der amerikanische Bürgerkrieg" – Fernsehdokumentation in neun Teilen

Natürlich stellt sich die Frage nach Aufwand und Ertrag. Amerikanische Geschichte an neun Abenden hintereinander, wen kann das schon regelmäßig in den Sessel zwingen? Was der WDR ab 21. August anbietet, ist das Kernstück dieser Geschichte, die zweite, ungeheuer blutige Revolution der Vereinigten Staaten: der Amerikanische Bürgerkrieg von 1861 bis 1865. Die größten Heere der Welt wurden damals aufgeboten. London und Paris waren anfangs hin- und hergerissen, ob sie dem verzweifelten Verlangen der Konföderierten nach internationaler Anerkennung nachkommen sollten; schließlich war die Baumwolle der Südstaaten ein begehrter Artikel. Andererseits aber, unannehmbar in Europa, war die Sklaverei ein erklärter Bestandteil der Moral und der politischen Philosophie der Südstaaten. Deutsche Siedler in Texas mußten mit dem Leben bezahlen, daß sie sich dem Kriegsdienst verweigerten, weil sie nach der 48er-Revolution nicht zur Verteidigung von Sklavenhaltern ausgewandert waren.

620 000 amerikanische Soldaten fanden im Bürgerkrieg den Tod. Das ist mehr als die Zahl der gefallenen Amerikaner in beiden Weltkriegen und im Vietnamkrieg zusammen. Ein nationaler "Selbstmord", wie einige Historiker sagen; eine "griechische Tragödie" mit vorgegebenem Ausgang, wie Mary Chesnut, eine kritische Zeugin aus der politischen Oberschicht der Südstaaten, in ihrem Kriegstagebuch vermerkte.

Mary Chesnut wird oft zitiert, eine Art ständige Begleiterin, die den Zuschauer das Denken, das Leiden, die Verbohrtheit, aber auch die grenzenlose Ergebenheit der Südstaatler an ihre Sache nachvollziehen läßt: eine Jost cause", wie Mary Chesnut von Anfang an wußte. "Möge Gott uns verzeihen", schrieb sie mit dem Blick auf die Versklavung der Schwarzen, "aber das unsere ist ein monströses System." Romantisches à la "Vom Winde verweht" kommt bei ihr nicht vor, kommt auch in der ganzen Fernsehserie nicht vor. Für nachgestellte Schlachten, in denen tiefrotes Schweinsblasenblut weiße Westen tränkt, ist da kein Platz. "The Civil War" ist Dokumentation im besten Sinne des Wortes.

Als sich South Carolina im Dezember 1860 aus der Union der Vereinigten Staaten verabschiedete, als die Sezession im Süden bis hinüber nach Texas um sich griff und im Februar 1861 die "Confederate States of America" gegründet wurden, war die Photographie gerade zwanzig Jahre alt. Todesmutige Photographen und Zeitungskorrespondenten haben mit umständlichen Kameraausrüstungen Aufmärsche und Trecks begleitet, haben auf ihren Platten das Grauen nach der Schlacht, die fürchterlichen Verwundungen festgehalten und dem staunenden, aber schnell vergessenden Amerika die Trümmerlandschaften der einst blühenden Städte des Südens vor Augen geführt.

Ken Burns, der heute 39jährige Spiritus rector und Autor des Bürgerkriegs-TV-Epos, hat mit seinem Stab über eine Strecke von fünf Jahren 50 000 Photos durchgesehen, 16 000 davon abgefilmt, 3000 schließlich benutz:. Das ist manchmal gewiß zuviel des Guten, zumal für Nichtamerikaner: noch eine Uniform, noch ein zerschlissene! Rock, Kameraschwenk von unten nach oben, Aufziehen zum großen Portrait, ein weiterer Name. Doch davon abgesehen, hat Burns den photographischen Grundstock aller Filminformationen in frappierender Weise mit Atmosphäre und Originalität angefüllt. Er hat die Bilder mit Geräuschen unterlegt: Geschützdonner, Schlachtengeschrei, Kommandos, Pferdegetrappel, Vogelgezwitscher machen das stehende Bild lebendig; und wo es angebracht ist, vertiefen Kriegsmelodien in der puristischen Variation von Soloinstrumenten den Eindruck des Nacherlebens jener für Amerika so traumatischen Ereignisse. Stiche, Karten und Gemälde, Zeitungsausschnitte, Briefe und Tagebücher ergänzen die Stilmittel der Dokumentation.

Damit der Zuschauer nicht ganz im Geist der Zeit versinkt und ertrinkt, hat Ken Burns Interviews mit anerkannten Experten des Bürgerkriegs eingeblendet. Der Schriftsteller Shelby Foote, selbst ein Weißer aus dem Süden, läßt mit dem Instrument der Anekdote für Nord und Süd Versöhnliches einfließen. Die schwarze Historikerin Barbara Fields stellt klar, daß der Bürgerkrieg, selbst wenn er über dem Streit um die Rechte eines Bundesstaates gegenüber dem Bund auszubrechen schien, in jeder Phase die gesellschaftliche Auseinandersetzung um das Prinzip der Sklavenhaltung war. Die Verkündung der Aufhebung der Sklaverei – Abraham Lincolns große Tat und die Ursache seiner Ermordung – war für die ehemaligen Sklaven nicht der Schritt in die Freiheit. Noch lange nicht. Das Ende des Bürgerkrieges markierte, woran auch der Film erinnert, die Geburtsstunde des Ku-Klux-Klan.