In Europa herrscht Kriegszustand, man mag es kaum glauben. Benachbarte, sogar eben noch vereinte Völker schießen aufeinander, obwohl vor kurzem erst der Ost-West-Konflikt zu Ende ging, der die Nachkriegsjahre so oft und so bedrohlich nahe an den Rand eines dritten Weltkrieges geführt hatte. Freundlichere Zeiten sind danach nicht angebrochen, eher herrscht eine neue Chaotik. Der dem Nachkommunismus abgeforderte Übergang von der Vormundschaftlichkeit zur Selbstverantwortung muß unter äußerst ungünstigen Umständen bewältigt werden, da der Sozialismus der Nomenklatura im Ruin endete.

Was Wunder also, daß Populismus, Fundamentalismus oder auch ein ethnisch aufgeladener und folglich höchst virulenter Nationalismus in der Region jenseits von Weichsel und Donau Fuß fassen können. In diesen Krisenzeiten sind das sicherlich die möglichen Fluchtideologien aus einem ebenso verwirrenden wie unbefriedigenden Alltag. Das Jaltasystem hat aber noch andere Hypotheken hinterlassen.

Unter Berufung auf die Freiheitsrechte und Autonomieformen des Westens ist die mittel- und südosteuropäische Staatenordnung in Bewegung geraten. Während sich im atlantischen Bereich des Kontinentes die Länder zu einer Politischen Union zusammenschließen, üben sich die nach 1918 oft künstlich geschaffenen oder nach 1945 vom Kommunismus zwangsweise zusammengewürfelten Regionen und Völkerschaften erst einmal in Selbstbestimmung.

Diese Entwicklung aber ist es gerade, die gegenwärtig mehr Besorgnis als Zustimmung auslöst. Nicht zuletzt deswegen hört man zunehmend historisch argumentierende Warnungen vor einem kontinentalen Rückfall ins Nationale.

In solcher Lage ist es ausgesprochen hilfreich, daß mit dem nachgelassenen Werk des Heidelberger Historikers Werner Conze "Ostmitteleuropa" nun geradezu ein historisches Vademekum jener Unruhezone vorliegt. Ausgehend von der durch die heutigen Ereignisse vielleicht überholten Feststellung, daß die Definition Ostmitteleuropas vage bleiben wird, entfaltet der Autor differenziert die kulturelle Evolution des Erdstrichs zwischen Karelien und Montenegro seit den Karolingern. Dabei werden dem Leser die verschiedenen Etappen der Entwicklung in luzider Sprache, überzeugender Deutungsarchitektonik und vor allem gelungener Detaildosierung zugänglich gemacht. Wer immer die gegenwärtigen Animositäten in Ost-, Mittel- und Südosteuropa verstehen möchte, der tut gut daran, sich hier über deren Voraussetzungen zu informieren.

Schade nur, daß es dem 1986 gestorbenen Conze verwehrt blieb, seine Studie bis in die Gegenwart hinein fortzusetzen. Und auch bedauerlich, daß das Nachwort von Klaus Zernack so darum bemüht ist, den Verfasser (soll man sagen) zu entnazifizieren, obschon Conze etwa als Assistent des Volkstumssoziologen Gunther Ipsen tief in den damaligen "Zeitgeist" eingebunden war. Das aber ist eine andere Geschichte, die sich mit einigen lapidaren Behauptungen ohnedies nicht erledigen läßt. Warum geht Zernack also überhaupt darauf ein, wo doch von solchen Verwicklungen in dem vorliegenden Buch über einen gleichermaßen komplizierten wie heiklen Gegenstand ebensowenig zu verspüren ist wie überhaupt in Conzes zu Recht so einflußreichem Nachkriegswerk? Wer sich einen Überblick von dessen Reichhaltigkeit verschaffen möchte, der kann auf eine repräsentative Auswahl seiner Beiträge zurückgreifen, die jetzt bei Klett-Cotta erschienen ist. Die einundzwanzig Texte, veröffentlicht zwischen 1949 und 1985, beeindrucken ebenso durch ihre thematische Fülle wie durch einen schnörkellosen Stil. Auch ihr methodisches Niveau besticht, sehen sich doch die jeweiligen Fragestellungen ausgesprochen sensibel bis in ihre gesellschaftlichen Verästelungen zurück verfolgt.

Von Sven Papcke