Von Rolf Michaelis

Zweiundsechzig Gedichte eines siebenundsiebzigjährigen Mannes: keine das Alter verklärenden Weisheits-Sprüche von der Ofenbank, sondern ein gnadenlos formuliertes, poetisch skelettiertes Tag- und Nacht-Buch allgemeinen Verfalls, des privaten wie des politischen, des intimen wie des öffentlichen Niedergangs. Dies macht den Rang des schmalen Bandes aus: Kein altersmild gestimmter Greis kramt in Erinnerungen, ein trotzig am Leben hängender Liebhaber der kleinen und der großen Welt zieht Bilanz. Lastschriften, wohin er schaut.

Mit dem Realitäts-Sinn, den der am 11. März 1915 in Hannover geborene Krolow nie verraten hat, wenn es darum geht, Wahrheit in Verse zu zwingen, läßt er, wie im mittelalterlichen Mysterien-Spiel von "Jedermann", den Tod ins Gedicht treten und so sprechen: "Du da! Steh auf... Leben heißt: es hat sich ausgefickt."

Mit derselben rüden Sprache wird das andere, das größere Ich angerülpst, dessen Niedergang dieser Gedichtband protokolliert, das neue, vereinte Deutschland: "Das hat sich ausgepißt mit der Partei. / Aber, den Sack am Boden schleifend, kriecht sich’s / noch immer besser im Kreise als gleich westwärts / sein Utensil geschwenkt."

Der Gang ins Dunkel ("und seh nicht mehr / als daß ich nun für mich bin") schärft den Blick nicht nur für das eigene Elend ("Alleinsein immer wieder"), sondern auch für die als "Aufschwung Ost" und Vereinigungslust schöngeredete, deutsche Wirklichkeit: "Zuviel Vereinigung. Einigkeit / hörte sich gut an im Lied, / das man lieber gar nicht erst anstimmt ... II Gebisse nach Menschenart / und jetzt deutsch gebleckt, / um mit D-Mark-Scheinen / gefüttert zu werden."

Lange nicht hat ein Lyrik-Band den Einzelnen mit der Gesellschaft so verbunden – und, jenseits von Schönklang und virtuos nachlässiger Reimkunst, das kritische Nachdenken des Lesers hervorgelockt.

Den keine hundert Seiten umgreifenden Band kann man lesen auch als ein Register der Verlust-Wörter: Scherben, zu spät, zerstört, auf sich beruhen lassen, zu Boden zwingen, stillstehen, etwas über haben, nicht, nichts, keiner, niemand, ohne, Ende. Und gehören nicht auch die ständigen Fragen in das von Krolow erkundete, unsichere Gelände zwischen Leben und Tod, Lieben und Verlassenwerden, Gesundheit und Krankheit, Glück und Angst, Ost und West, wofür Krolow – in der fünfmal wiederholten Einsilbigkeit – die trostlose Ortsbeschreibung findet: "nicht dort und nicht hier": "Warum von neuem beginnen / im letzten Augenblick? / Was gibt es noch zu gewinnen?"