BREMEN. – Wer ohne Auto seinen Alltag bewältigt, kann sich im Bewußtsein sonnen, seinen Teil zum Schutz der Umwelt beizutragen. Er genießt die Bewunderung von Nachbarn und Freunden, und er spart Geld. Doch sobald er das Fenster öffnet, umwabern Autoabgase weiterhin seine Nase, der Lärm der Straße stört seinen Schlaf, der Gang zum Bäcker auf der anderen Straßenseite erfordert höchste Aufmerksamkeit, will der autolose Mensch nicht unter die Räder kommen. Es ergeht ihm ähnlich wie dem Nichtraucher, der unter Rauchern seines Entschlusses nicht froh werden kann und erst in rauchfreien Zonen wirklich auflebt.

So gesehen ist die Bremer Idee überfällig, eine autofreie Siedlung zu bauen, einen Wohnkomplex ohne Straßen und Garagen. Hier darf nur einziehen, wer sich verpflichtet, auf das eigene Auto zu verzichten. Nur einige Parkplätze werden geschaffen, für Besucher und für Gemeinschaftsautos, zum Beispiel aus dem Verein "Statt-Auto", der Wagen stundenweise verleiht. Binnen zwei Monaten meldeten sich nach einem Aufruf des Senators für Stadtentwicklung 200 Interessierte. Jeder zweite hat bisher den Fragebogen ausgefüllt, den Behördenplaner und Wissenschaftler entwickelt haben. Wie groß sollen die Wohnungen sein, werden Familien oder Singles kommen, Ärmere oder Gutverdienende, wie weit entfernt arbeiten die Interessenten, und schließlich: Besitzen sie ein Auto? Die Antworten liefern zunächst wichtige Daten für die Planung und werden parallel an der Universität ausgewertet – im Rahmen eines Forschungsprojektes über autofreies Wohnen.

Der Rücklauf der Fragebogen ermutigt die Initiatoren. Den Ruch des Spinnerten hat die Idee verloren, wie sogar Skeptiker zugeben. Die Interessenten sind nicht, wie befürchtet, entweder Lehrer oder Inhaber von Wohnberechtigungsscheinen, sondern zeigen nach der ersten Durchsicht der Antworten eine "deutliche soziostrukturelle Mischung".

Einigen Interessierten genügte es nicht, Kreuzchen zu setzen und Zahlen einzutragen – sie schrieben seitenlang auf, warum sie unbedingt dabeisein wollen. Eine 82 Jahre alte Frau traut sich aus ihrer Wohnung in der Bremer Innenstadt kaum noch hinaus, aus Angst vor den vorbeibrausenden Autos und Lastwagen. Seit Jahrzehnten wohne sie in diesem Viertel, schreibt sie, aber sie würde sofort umziehen in die autofreie Siedlung am Rande der Stadt. Eltern freuen sich darauf, daß Kinder gefahrlos in frischer Luft vor dem Haus spielen können – auch wenn es gar nicht mehr der eigene Nachwuchs ist. Doch das autofreie Quartier wird es voraussichtlich erst in der zweiten Hälfte dieses Jahrzehnts geben. Und die kniffligste juristische Frage ist noch nicht gelöst: Wie kann man die Mieter dazu verpflichten, auf ein eigenes Auto zu verzichten? Im Gespräch ist ein Genossenschaftsmodell: Nur Mitglieder können Mieter werden, die Satzung schreibt den Verzicht fest; wer dagegen verstößt, wird aus der Genossenschaft ausgeschlossen und muß das Mietverhältnis auflösen. Dem potentiellen Investor der autofreien Siedlung, der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft (Gewoba), die den größten Teil des vorgesehenen Grund und Bodens im Hollerland besitzt, ist diese Konstruktion noch zu unsicher. Der Geschäftsführer fürchtet, auf unvermieteten Wohnungen sitzenzubleiben. Er würde sie lieber als Eigentum verkaufen. Doch das Ressort für Stadtentwicklung schließt mit Blick auf die "soziostrukturelle Mischung" eine reine Eigentumssiedlung aus. Der zuständige Referent hält den Ängsten der Gewoba entgegen, daß die autofreie Siedlung ihr Imageträger werden könnte.

Nur Gutes über das Projekt ist aus dem SPD-geführten Bauressort zu hören, dem heimlichen Konkurrenten des grünen Stadtentwicklungsressorts. Angesichts der bauplanerischen und finanziellen Vorteile einer autofreien Siedlung wundert das nicht. Der Verzicht auf Parkplätze spart bei den anvisierten 150 Wohnungen rund 4000 Quadratmeter Fläche und Baukosten; der kränkelnde Personennahverkehr erhält einen neuen Schub.

Keiner ist gegen das Projekt, aber noch stehen verbindliche Absprachen aus. Im Oktober sollen alle Interessierten zusammenkommen, um einen Verein zu gründen und konkret zu planen. Finden sich auch dann noch hundert Autolose, dann kann aus ihrem Traum Wirklichkeit werden.

Gaby Schuylenburg