Von Uwe Wesel

Der Begriff Tier im Sinne dieser Verordnung umfaßt lebende und tote Tiere, ihre ohne weiteres erkennbaren Teile, ohne weiteres erkennbar aus ihnen gewonnene Erzeugnisse sowie ihre Eier, sonstigen Entwicklungsformen und Nester."

Das ist einer jener Texte, die als Beispiel juristischer Sprachkunst ab und zu durch die Presse gehen. Diesmal die Wildschutzverordnung vom Oktober 1985. Auf die sich dann jemand den Vers gemacht hat: Quäle nie ein Nest zum Scherz, denn es fühlt wie du den Schmerz.

Solche Parodien zeigen, daß es ein allgemeines Unbehagen gibt gegenüber dem, was Juristen schreiben. Man liest es ungern, auch schon deshalb, weil man es meistens kaum verstehen kann. Ein allgemeines Unbehagen, hinter dem manche Probleme stehen.

Formuliert man es etwas vereinfacht, dann kann man schon sagen, daß Recht im wesentlichen Sprache ist. Im Bewußtsein von Juristen zumindest in ihrer täglichen Arbeit, im inneren Bereich also, und auch in ihrem Auftreten nach außen, dem Bürger gegenüber. Recht ist immer Sprache. Gesetze, Urteile, juristische Gutachten und juristische Literatur, es ist nichts anderes als Sprache, manchmal gesprochen, meistens geschrieben.

Es ist eine Sprache, die sich allerdings in besonderer Weise entwickelt hat, so, wie es auch in anderen Spezialbereichen unserer arbeitsteiligen Gesellschaft geschehen ist, in den Natur- oder Geisteswissenschaften, in der Medizin oder Technik. Es ist eine Fachsprache. Und jede Fachsprache hat ihre Probleme, zum Beispiel die Unverständlichkeit für diejenigen, die außerhalb stehen. Irgend jemand hat das einmal für die Philosophie formuliert und gesagt, sie sei die Kunst, mit Worten, die niemand versteht, etwas zu sagen, was jeder weiß. Was für die Philosophie richtig sein mag, auf anderen Gebieten aber durchaus auch noch den Grund hat, daß man eben komplizierte Probleme leichter in einer hochentwickelten Fachsprache in den Griff bekommt, sie vielleicht manchmal mit der normalen Umgangssprache überhaupt nicht lösen kann, wie zum Beispiel in den Naturwissenschaften und in der Technik. Ist aber das Problem dort eher ein rein technisches, so hat es im Recht gleichzeitig eine außerordentlich wichtige politische Bedeutung.

Recht ist die Gesamtheit der staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung. Es wird vom Staat produziert, von den drei Staatsgewalten, vom Parlament, der Regierung und den Gerichten. Hier gilt der Satz, daß alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, das allgemeine Prinzip jeder Demokratie. Das Volk bestimmt in Wahlen das Parlament und damit auch die Regierung, letztlich auch die Gerichte, denn die Richter werden von der Regierung ernannt, manchmal vom Parlament gewählt. Artikel 20 Absatz 2 des Grundgesetzes: