Von Fritz Vorholz

Die deutsche Textilindustrie entdeckt den Umweltschutz. Zukünftig wird ein Etikett der sensibilisierten Kundschaft versichern, was eigentlich selbstverständlich sein sollte: daß Röcke und Hemden, Slips und Pullover nicht krank machen. Doch, verkehrte Welt, ausgerechnet Verbraucherschützer hegen Zweifel an den edlen Motiven der Produzenten. "Das Ganze riecht nach Sicherung der Absatzmärkte", argwöhnt Bernhard Rosenkranz, Autor eines Leitfadens für gesunde Textilien und Mitarbeiter bei der Hamburger Verbraucherzentrale. Und, als ob sie die Verwirrung noch steigern wollten, blasen die Textilhändler ins gleiche Horn: "Etikettenschwindel" lautet das Verdikt von Vinzenz Mathey, dem obersten Textileinkäufer bei Karstadt, der gleichzeitig Vorsitzender des Arbeitskreises Textilien bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Mittel- und Großbetriebe des Einzelhandels (BAG) ist. Brancheninsider scheuen sich nicht, vom "Krieg zwischen Handel und Industrie" zu sprechen.

Die Händler wittern Verrat. Nicht daß sie den Umwelt- und Gesundheitsschutz vernachlässigen wollten – im Gegenteil: Die Ökologie sei längst Chefsache und "ein ausgesprochen wichtiger Faktor der Unternehmensstrategie und -taktik", heißt es bei der BAG. Doch hinter der Öko-Strategie der Fabrikanten sehen die Händler das Gespenst des Protektionismus, nämlich eine "gezielte buy German-Aktion". Und das wiederum muß sie aufregen. Denn in ihren Regalen und auf den Wühltischen stapelt sich schon heute überwiegend Auslandsware. Im Bekleidungssektor trägt Importware mit gut neunzig Prozent, im Textilbereich mit immerhin fast achtzig Prozent zur Marktversorgung bei. Vor allem auf den Billigfummeln aus Sri Lanka und Tunesien, Pakistan und Malaysia fürchten die Händler sitzenzubleiben, wenn in Zukunft möglicherweise nur deutsche oder europäische Waren das Öko-Etikett ziert und die verängstigte Kundschaft die Finger vom preisgünstigen Angebot läßt.

Ganz anders argumentieren die Textilproduzenten, die von der Warenflut besonders aus Fernost schon seit längerem in die Knie gezwungen werden. Peter Giernoth, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Maschenindustrie (Gesamtmasche), weist den "Angriff" des Handels als "blanken Unsinn" zurück. Und Alfred Virnich, der kommissarische Geschäftsführer des kürzlich gegründeten Vereins für verbraucher- und umweltfreundliche Textilien, behauptet steif und fest: "Jeder kann das Siegel bekommen." Doch dahinter steht wohl die nicht unbegründete Hoffnung, daß Dritte-Welt-Ware leichter durch das Raster der Prüfkriterien fällt. Ausländische Produkte nämlich, so die Erkenntnis des Hohensteiner Textilforschers Stefan Mecheels, seien "nicht so gut beherrscht wie inländische". Die willkommene Folge: Deutsche Hersteller hätten eine neue Marktnische besetzt – und vielleicht eine Gnadenfrist im Kampf um Kunden gewonnen. Das mutmaßt jedenfalls ein Experte der Forschungsstelle für allgemeine und textile Marktwirtschaft in Münster. Und so drängt sich der Verdacht auf, daß Umweltsorgen im reichen Norden die Entwicklungsanstrengungen im armen Süden aushebeln.

Die hiesige Kundschaft jedenfalls, argwöhnen Branchenkenner, ist durch Fernseh- und Zeitungsberichte über angeblich gesundheitsschädliche Textilien arg verunsichert. Das "Gift im Kleiderschrank" (Bild am Sonntag) schlage sich als "Chemie auf der Haut" (Öko-Test) nieder und verursache Allergien und Sehstörungen, Eiterpickel und Schwindelgefühle. Chemie mache den Stoff zwar knitterfrei und schmutzabweisend, textete Quick, "aber sie macht uns auch alle krank". Dichtung oder Wahrheit – angesichts solcher Hiobsbotschaften schwant dem Bielefelder Textilmanager Erwin Fleckenstein: "Der umweltbewußte Kunde gewinnt im Marktgeschehen an Bedeutung."

Tatsächlich listen die Kataloge der Textilveredler etwa 8000 unterschiedliche Hilfsstoffe auf. Mehr als 200 000 Tonnen Chemikalien und 11 000 Tonnen Farbstoffe verwenden sie pro Jahr, um die Massenware (jährlicher Pro-Kopf-Verbrauch in den alten Bundesländern: 23 Kilogramm) hübsch und pflegeleicht zu machen. Und meistens werden sie dabei vom Gesetzgeber kein bißchen behelligt. Grenzwerte oder Verbote gibt es bisher lediglich für Formaldehyd, Flammschutzmittel und Pentachlorphenol (PCP). Ansonsten gilt das Lebensmittel- und Bedarfsgegenständegesetz aus dem Jahr 1974. Es verbietet ganz allgemein, gesundheitsschädigende Bedarfsgegenstände herzustellen oder in Verkehr zu bringen – eine freilich zahnlose Bestimmung, denn die für die Überwachung zuständigen Lebensmitteluntersuchungsämter sind hoffnungslos überfordert. "Von wirklicher Kontrolle kann gar keine Rede sein", sagt deshalb Thomas Platzek, Textilfachmann im Berliner Bundesgesundheitsamt. Meist weiß der Verbraucher nicht einmal, wieviel von welchen Chemikalien auf Baumwolle oder anderen vermeintlich hautverträglichen Naturstoffen haftet. Nach dem Textilkennzeichnungsgesetz müssen die Hersteller den Kunden lediglich verraten, welche Fasern der Stoff enthält.

Mittlerweile freilich mehren sich die Zeichen, daß die Hüter des öffentlichen Wohlergehens das Ärgernis angehen wollen. Im Bundesgesundheitsamt etablierte sich eine "Arbeitsgruppe Textilien", und der Chef des Umweltbundesamtes, Heinrich von Lersner, drohte bereits mit dem Knüppel strenger staatlicher Vorschriften, wenn die Textilindustrie nicht aus eigenem Antrieb für Ruhe an der Schadstoffront sorge. Die Branche, ob solcher Ankündigungen hellhörig geworden, fürchtete nun ein "administrativ überzogenes Regelwerk" und flüchtet in die Selbsthilfe. Doch nun ereilt sie jäh der Vorwurf des Protektionismus.