Von Iris Radisch

Kann sich ein Mensch am Abend – gemeinsam mit seiner alten Hauskatze in das Gerät vertieft – von den Strapazen des Angestellten- und Verkehrswesens erholen? Nein. Betrinken kann er sich, mit der Katze ein wenig plaudern, auch ein Gedicht still am Fenster kann er lesen, "hast ein Reh du lieb vor andern, laß es nicht alleine grasen". Viel kann er nicht tun.

Nur warten. Warten, bis der Tierfilm kommt. Denn der Tierfilm, um es gleich und laut und endgültig zu sagen, ist das letzte Reservat des Schönen im deutschen Fernsehen. Ein schöner Fledermausfilm zum Beispiel kann ohne weiteres mit Eichendorff, sogar mit Peter Handke konkurrieren. Ein gut recherchierter Biberfilm schlägt Martin Walser, erreicht mindestens Theodor Fontane, selbst ein mittlerer Gepardenfilm liegt Kilometer über Updike oder Karasek. Dies zur Orientierung.

Und nun zur Hauptsache. Zu den zarten Hautfalten der Geistergesichtsfledermaus, den feuchten kleinen Schnauzen der Kalifornischen Blattnase, dem winzigen, zerbrechlichen Rüssel des Flughundes – uns und unserer Katze gehen die Augen über. Wie Papierschnitzel flattern die zwanzig bis vierzig Millionen Freischwanzfledermäuse des Hessischen Rundfunks durch unser Zimmer, wackeln mit den dünnen Flügeln und steigen schließlich in flirrenden Schwärmen in den Abendhimmel: schwarzer Puder.

Die Poesie der Tiere wird erst in Nahaufnahme und Zeitlupe sichtbar. Wenn die kleine Fledermaus direkt vor unserer Nase mit gegrätschten Beinen, das Köpfchen in einer Kaktusblüte, mit flatternder rosa Zunge Pollen lutscht und dabei gierig mit den Flughäuten zappelt – verstehen wir, daß wir die Welt nicht verstehen. Große Tierfilme sind wie große Kunst. Sie sind, grob gesagt, so wahr, daß sie sprachlos machen. Blöd und glücklich betrachten wir, wie die Fledermäuse zu Tausenden den Kopf nach unten in unserem Bildschirm hängen und ihr Geklimper und Geknirsche von weit her durch das Zimmer fährt. Wenn dann später auch noch die Elefanten mit den Rüsseln wedeln, die Antilopen in der Steppe ihre Geweihe aneinanderschmettern und die Wölfe sich mit hektischen Zungenküssen begrüßen, wird es bei uns beiden im Fernsehsessel ganz still.

"Tiere vor der Kamera", "Wunder der Erde", "Die Supersinne der Tiere", "Zeit für Tiere" heißen die Herzensbrecher im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Wie im Märchen, wo das Grausame und das Rettende zusammengehören, sieht man die afrikanischen Flußtiere morden und jagen, steigen weiße Dämpfe über den Wassern des Ukawango auf, wühlen Blatthühnchen, Kibitze und weiße Löffler in den Flachwasserzonen des Flusses, pflegen traurige Trauerseeschwalben ihr Gefieder, verschlafen Nilpferde den ganzen langen Tag. Und das ist die nackte Wirklichkeit. Tod und Schönheit – am selben Flußufer friedlich vereint.

Der Charme eines tierischen Tagesablaufs am Ukawango ist nicht zu überbieten. Träge stochern die braunen Sichler, die frisch erwachten Klaffschäbel und Hammerköpfe, die Haubenzwerg- und die Königsfischer im morgendlich dampfenden Fluß. Sie durchbohren Schnecken mit ihrem Pinzettenschnabel, sie wirbeln mit den Füßen Flußgetier auf und zermalmen die kleinen Würmer und Krebse bei lebendigem Leib, sie durchseihen mit ihrem Löffelschnabel das Wasser, sie stöbern nach Beute im Schlick. Der ganze Fluß ist eine paradiesische Mördergrube. Mit Gleichmut schlucken unsere Freunde, die Tiere, ihr Opfer, das Tier. Wir finden das völlig in Ordnung. Das Tier tut, was es will. Es mordet, weil es muß. Und das ist gut.