In der Schulpolitik gähnt das Sommerloch abgrundtief, zumal in Nordrhein-Westfalen im August. Da muß man sich schon etwas ganz Besonders einfallen lassen, um die Szene aus ihrem behaglichen Dösen hochzuschrecken. Und wenn einem nichts mehr einfällt, gräbt man einfach die Idee vom vergangenen Jahr aus. Andreas Reichel, der Generalsekretär und bildungspolitischen Sprecher der FDP, besann sich auf den August ’91 und plädierte wieder einmal für Reklame in Schulbüchern. Dadurch könnten "dreistellige Millionensummen" im öffentlichen Haushalt gespart werden. Und um das allgemeine Aufheulen ob dieses frevelhaften Vorschlags einigermaßen einzudämmen – Werbung wird in Deutschland nämlich als eine Form der Kindesmißhandlung betrachtet –, wiegelte der FDP-Sekretär auch gleich ab: Geworben werden dürfe nur an weiterführenden Schulen, und auch da nicht für Zigaretten oder Alkohol oder andere scharfe Sachen.

Vermutlich wird dieser Vorschlag wie im Vorjahr wieder dorthin zurücksinken, wo er aufgestiegen ist, ins Sommerloch nämlich. Da kann man sich getrost den Luxus leisten, ihn unverbindlich ein wenig zu wägen. Denn manches spräche durchaus dafür. Hie und da hat sich etwa in der öffentlich-rechtlich versorgten Fernsehfamilie der Verdacht eingeschlichen, daß die Werbung nicht das Schlechteste am Vorabendprogramm sei.

Wenn zum Abendessen der Förster vom Forsthaus Falkenau durch sein Revier pirscht und unsere Hagenbecks die Seelöwen füttern, derweil im Kontrastprogramm die drei Damen vom Grill Senf auf ihre Würstchen geben, dann ist jeder spritzige Werbespot der reinste Lichtblick. Und was die Werbung fürs Fernsehen ist, könnte die Reklame fürs Schulbuch werden. Viele, viele bunte Smarties im Englischbuch, Heinz Tomatenketchup oder eine kühle Coke zwischen Differential und Integral, TaiGinseng oder Doppelherz als Aufschlagsseite fürs Biologiebuch – da hält es keinen Fruchtzwerg mehr auf seinem Platz, da wird das Klassenzimmer zur Punica-Oase. Alles in allem: Der Vorschlag von Generalsekretär Reichel ist zwar pädagogisch nicht unbedingt konsensfähig, aber er stiftet zum Träumen an. Und das ist mehr, als sich von so manchem bildungspolitischen Gedanken behaupten ließe. SE