Das Telephon klingelt! Ausgerechnet jetzt. Ihr Telephon? Nein, mein Telephon. Mein Telephon klingelt. Lassen wir es klingeln. Ich habe meine Anrufbeantworterin eingeschaltet. Wieso? Bei mir ist es eben eine weibliche Maschine. Ich bin Feministin. Moment mal. Wer ist es denn? Warten Sie mal. Seien Sie mal ’n Augenblick still. Ich habe das Ding lauter gestellt. Deshalb muß ich doch nicht gleich rangehen! Nur, weil ich zu Hause bin? Erst mal hören, wer es ist. Das tut man nicht? Lieber Himmel! Ich stell’s ein bißchen lauter, dann können Sie mithören.

Ach, der. Nee, den kennen Sie nicht. Ganz alter Freund von mir. Der telephoniert nicht unter einer Stunde. Sehr schöne Stimme, nicht wahr? Er war mal Schauspieler. Sprechen kann er. Aber viel zu lang. Und jetzt im Ton auch schon eher verlegen, stimmt’s? Ich höre das. Der tut nur so cool. In der Konfrontation mit dieser Maschine, glauben Sie mir, da lernen Sie die Menschen kennen. "Bitte, sprechen Sie jetzt!" – Und dann sollen Sie. – Haben Sie gehört, was er eben gesagt hat? Der hat Nerven. Man könne mich nie erreichen. Wenn der wüßte. Na. Jetzt hat sich das Band abgeschaltet. So einer quatscht mir ja die ganze Kassette voll. Ich hab’s auf eine Minute gespeichert. Unendlich ist bei mir nicht mehr drin, seitdem ich die Maschine habe. Dafür hat man sie doch. Ich habe neulich erst eine Freundin angerufen. Zu Hause. Die war zu der Zeit im Büro. Das wußte ich selbstverständlich. Es war ein sehr nettes, kurzes Gespräch. Daß ich nicht kommen kann, und daß sie mir das Buch schicken soll. Am Abend hat sie dann zurückgerufen. Die wohnt in Stuttgart. Ferngespräch.

Wo die Gebühren doch immer höher werden. Sie haben so ein Ding noch nicht? Dann kann man mit Ihnen ja gar nicht kommunizieren. Ohne meine Anrufbeantworterin wäre ich total aufgeschmissen. Ich möchte wissen, wer bei mir anruft, wenn ich nicht da bin. So was fasziniert mich. Ich komme nach Hause. Mein erster Blick geht zu ihr. Auf die Maschine. Da leuchtet mir schon die Zahl entgegen. Sagen wir mal sechs, sieben Gespräche waren inzwischen. Die hätte ich alle verpassen sollen? Das wäre doch irgendwie schade. Und die Leute sind’s los. Die sind jetzt auf meinem Band gespeichert. Das höre ich mir dann an. Als erstes. Gleich wenn ich komme. Dabei ziehe ich mir Mantel und Schuhe aus. Oder packe die Sachen in den Kühlschrank.

Da! Jetzt ist sie wieder angesprungen. Habe ich gar nicht mitbekommen, daß es geklingelt hatte. Sie etwa? – Jetzt hören Sie sich das mal an. Das ist eine hochbegabte Frau, erfolgreiche Analytikerin. Aber wie die jetzt rumstottert. Warten Sie. Das spiele ich Ihnen gleich noch mal vor, wenn sie fertig ist. Seien Sie doch nicht so zimperlich! Das ist keine Manipulation. Weiß die Frau etwa nicht, daß sie aufs Band spricht? Na, sehen Sie. Darum ist sie doch so unsicher. Eine gute Freundin von mir hebt sich so was ja auf. Die überspielt das auf eine zweite Kassette. Kann man machen. Kein Problem. Wir haben schon Tränen gelacht.

Der Bruder von ihr liest immer ab, wenn er bei ihr anruft. Der schreibt sich vorher auf einen Zetein was er sagen will. Das hört sich dann an wie ein altes Weihnachtsgedicht. Bloß, daß es sich hinten nicht reimt. Unübertroffen aber sind Freunde, die eine Verabredung absagen. Die haben sich eine überzeugende Ausrede zurechtgelegt und tragen die nun vor. Auf dem Band. Und Sie sind nicht da, um mal hilfreich zu unterbrechen. Die Pausen, die dann entstehen, wenn so jemand auf dem Band ganz allein durchhalten muß, die sind kellertief. Auf die Nerven gehen mir die Leute, die unbedingt locker sein wollen. Lässig. Verstehen Sie? Das finden die originell. Die haben selbst einen Anrufbeantworter und müssen Ingrid. quasseln: "Ja, du, hier ist wieder mal die Ingrid. Ich weiß ja nicht, wo du gerade steckst, und was du jetzt machst." Ich stehe daneben und segne die Erfindung.

Viola Roggenkamp