Von Rolf Degen

Die Psychotherapie muß Abschied nehmen vom Größenwahn: Die Kur beim Seelendoktor heilt längst nicht alles und jeden, manche Vorgehensweisen sind wirksamer als die anderen, und eine Erhöhung der "Dosis" kann manchmal den therapeutischen Segen schmälern. Das ist das unbequeme Fazit einer programmatischen Übersicht, die Klaus Grawe vom Psychologischen Institut der Universität Bern jetzt in der Psychologischen Rundschau (Heft 3/1992, S. 132) vorgelegt hat. Grawe und seine Forschungsgruppe arbeiten bereits seit elf Jahren an einer möglichst vollständigen Bewertung aller psychotherapeutischen Verfahren. Um die Spreu vom Weizen trennen zu können, haben sie die gesamte Fachliteratur kritisch darauf geprüft, welche Wirksamkeitsnachweise für die einzelnen Therapieverfahren bisher erbracht wurden.

Hierzu bewerteten sie mehr als 890 veröffentlichte Studien anhand eines umfassenden Beurteilungskataloges (mit mehr als 200 Kriterien). Die gewaltige Arbeit könnte künftig mit darüber entscheiden, welche Therapieverfahren von den Krankenkassen bezahlt werden, denn die Psychologen möchten schon seit Jahren genauso wie Mediziner ihre Leistungen abrechnen können. Grawe war auch Mitglied der Kommission, die im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit ein "Forschungsgutachten zu Fragen eines Psychotherapeutengesetzes" erarbeitet hat.

Die freudianische Psychoanalyse gab sich viele Jahre damit zufrieden, daß es rund zwei Drittel aller Patienten am Ende einer "Redekur" bessergehe als zuvor. Diese Selbstzufriedenheit wurde 1952 jäh erschüttert, als der Psychologe Hans-Jürgen Eysenck mit einer ketzerischen Beobachtung aufwartete: Auch unbehandelte Seelenkranke kommen mit der gleichen Häufigkeit allein durch "Spontanheilungen" wieder auf den Damm.

Die voreilige Folgerung, daß die Zeit alle (heilbaren) seelischen Wunden heile, geht jedoch an den Tatsachen vorbei, betont Grawe. Die umstrittenen Daten, die Eysenck zur Verfügung standen, erlauben lediglich den Schluß, daß es einem psychotherapeutisch behandelten Patienten schon nach drei Monaten so gutgeht wie einem unbehandelten Leidensgenossen nach zwei Jahren Däumchendrehen. Nach Eysencks Logik bekämen die Psychotherapeuten ohnehin nur den harten Kern mit den "zähesten" Störungen in die Praxis: Es vergehen nämlich im Schnitt sieben Jahre, bis ein Anwärter auf eine Behandlung zu seiner Therapie kommt.

Spontane Heilungen sind viel seltener, als man früher dachte. Dem Anteil an Besserungen steht offenbar eine fast gleich große Rate von spontanen Verschlechterungen gegenüber. Die Analysen der letzten Jahre kamen daher auch immer wieder zu einem einhelligen Resümee: Psychotherapie ist wirksamer als keine Behandlung. Es stimmt allerdings mißtrauisch, daß oft keine Unterschiede zwischen den einzelnen Schulrichtungen zu verzeichnen waren, die teilweise gegensätzliche Grundannahmen vertreten. Durch diese pauschale Erfolgszuweisung blieben der Branche häßliche Auseinandersetzungen erspart.

Auf dem "Trittbrett" vermeintlicher Gleichheit fuhren auch viele obskure therapeutische Bewegungen mit, die sich erst gar keiner wissenschaftlichen Gütekontrolle unterworfen hatten. Die opportune Doktrin wurde häufig zynisch mit einem Zitat aus "Alice in Wonderland" kolportiert: "Jeder hat gewonnen, und alle müssen den Preis bekommen." In dieser Situation gedieh auch der Mythos von der unidirektionalen Dosis-Wirkungs-Kurve vorzüglich: Je mehr, desto besser – als ginge es nach einem doppelten Quantum Behandlung den Patienten doppelt so gut.