Mit solch naiven Vorstellungen räumt Grawe gehörig auf. Nach seiner Auffassung existiert ohnehin nur eine enge, überschaubare Gruppe von drei therapeutischen Schulen, "denen aufgrund einer großen Zahl kontrollierter Wirksamkeitsuntersuchungen der Status von Therapieverfahren mit zweifelsfrei nachgewiesener Wirksamkeit zugebilligt werden muß". Mit deutlichem Abstand vor allen anderen rangiert auf dem ersten Platz die Verhaltenstherapie. Diese Schule hat in den vergangenen Jahren diverse wirksame Einzeltechniken (wie die Systematische Desensibilisierung, gezielte Konfrontation mit Reizen oder die kognitiven Interventionen) entwickelt, die in der Praxis auf ein klinisches "Breitbandspektrum" von Leiden angewendet werden können.

Auch die Gesprächstherapie zeitigt nachweisbar positive Wirkungen. Allerdings ist deren geprüfter Anwendungsbereich bereits enger, so daß sie nur einen begrenzten Stellenwert für die Patientenversorgung besitzt. Das gilt schließlich auch für die psychoanalytische Therapie, die für viele Laien der Inbegriff seelischer Behandlung ist. Es sind jedoch nicht alle Verfahren erfolgreich, die einen tiefenpsychologischen Anstrich tragen. Lediglich die psychoanalytische Kurztherapie (bis ca. dreißig Sitzungen) und die Therapien mittlerer Länge (dreißig bis hundert Sitzungen) erscheinen in einem günstigen Licht. Die Bilanzen wirken indes weniger überzeugend als bei den beiden erstgenannten Schulen. Und die "große Kur", also die klassische Langzeitanalyse mit mehreren hundert Sitzungen, hat die hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllt. In der einzigen großangelegten Studie, die weitreichende Schlußfolgerungen zuläßt, sind alle mit der Langzeitanalyse verbundenen Hoffnungen gescheitert. Weniger ist manchmal wirklich mehr.

Geradezu pikant ist laut Grawe die Tatsache, daß die Psychoanalyse bei psychosomatischen Störungen eindeutig keinen therapeutischen Nutzen bringt. Immerhin sind in der Bundesrepublik nahezu alle Lehrstühle für Psychosomatik mit Anhängern des Freudschen Credos besetzt. Dieses Ergebnis werde "von denen, die es eigentlich anginge, totgeschwiegen".

Nach einer Umfrage in der Schweiz arbeiten dort ebenfalls fast alle ärztlichen und immerhin 72 Prozent aller Psychologen mit psychoanalytischen Verfahren. Das bedeutet, daß sehr viele Patienten nicht die Therapie erhalten, deren Wirksamkeit am besten abgesichert ist. "Es würde recht große Argumentationskünste erfordern, diese Zustände mit den Interessen der Patienten zu rechtfertigen", konstatiert Grawe.

Neben der Gruppe der anerkannten Therapien existieren auch Richtungen, die noch gar nicht oder nicht in ausreichendem Maße auf ihre Wirksamkeit "abgeklopft" wurden. Dazu gehören beispielsweise die Analyse nach C. G. Jung und viele Ansätze, die auf dem Psycho-Markt hoch im Kurs stehen, so das "Neurolinguistische Programmieren" oder die Primärtherapie nach Janov (Urschrei). Es gibt schon Anzeichen, daß einige dieser Schulen, zum Beispiel die "Transaktionsanalyse", bei genauer Prüfung "durchrasseln" werden. Andere Verfahren wie die Systemische Familientherapie (sie bezieht alle Familienmitglieder ein und betrachtet die Störungen als ein System), könnten sich dagegen vielleicht schon bald als abgesicherte Therapien etablieren.

Die von Grawe gesichteten Studien können nicht im strengen Sinne als "kontrolliert" betrachtet werden: Der behandelten Gruppe wurde lediglich eine Vergleichsgruppe gegenübergestellt, die auf der Warteliste stand und ohne professionelle Hilfe blieb. Man könnte nun argumentieren, daß die Psychotherapie ihre Verfahren, genauso wie von der Pharmaindustrie gefordert, gegen ein Scheinpräparat (Placebo) ins Rennen schicken muß. Dagegen wird häufig eingewendet, es sei praktisch unmöglich, eine Psychotherapie "doppelblind" zu verabreichen – so daß weder Heiler noch der Patient wissen, wer die "echte" und wer die "falsche" Kur erhält. Placebos erzielen in der Regel eine beträchtliche Heilwirkung, weil die Patienten der Macht der Suggestion erliegen und unter dem Einfluß der "Droge Arzt" positive Änderungen durchmachen. Der amerikanische Forscher Leslie Prioleau hat aber vor einigen Jahren all jene Studien geprüft, in der Kontrollgruppen mit Pseudotherapien behandelt wurden (The Behavioral and Brain Sciences, Bd. 6, S. 275 ff.). Manchmal bekamen die betreffenden Patienten Zuckerpillen mit dem Hinweis, es seien hoch wirksame Drogen. Manchmal gab es Sitzungen, in denen der "Therapeut" das Gespräch strikt von allem ablenkte, was mit der jeweiligen Störung zusammenhing. In all diesen Fällen erwies sich die "Mogelpackung" den authentischen Verfahren als nahezu ebenbürtig.

Solche Vergleiche könnten behilflich sein, die nützlichen Bestandteile von Therapien genauer einzugrenzen. Sie könnten aber womöglich auch zeigen, daß die Wirksamkeit der "gesicherten" Verfahren noch zurückhaltender zu bewerten ist, als es jetzt scheint. Und das will eigentlich niemand hören. Die Therapeuten nicht, weil ihr Image auf dem Spiel steht. Und die Patienten nicht, weil sie gerne glauben, daß es im Leben für jede Notlage fachmännische Hilfe gibt.