Von Robert Gernhardt

Seit zwanzig Jahren besitze und nutze ich zusammen mit Freunden ein Haus in der Toskana, achtzehn Jahre lang hatte ich nie das Gefühl, mich dafür entschuldigen, gar schämen zu müssen. Wohl möglich, daß manchmal Neid in dem "Ach, in die Toskana!" mitschwang, das einigermaßen zuverlässig immer dann folgte, wenn ich mit gebotener Beiläufigkeit erklärt hatte, ich werde meinen Arbeitsplatz mal wieder in die Toskana verlegen, doch war diesem Neid nicht jene Häme beigemischt, die ich heutzutage immer häufiger herauszuhören glaube: "Oho! In die (räusper, räusper) Toskana... Um zu (zwinker, zwinker) arbeiten ..."

"Ja, arbeiten. Als Freiberufler kann ich überall da arbeiten, wo ein Tisch steht. Auch in der Toskana."

"Seit wann nennt man das (räusper, räusper) arbeiten, was du da in der (zwinker, zwinker) Toskana tust?"

Alles fließt, auch Begriffe gehen den Bach runter. Doch das, was dem gutgläubigen Zeitgenossen als naturwüchsiger Vorgang erscheint, ist Menschen- und Medienwerk. Das Begriffebesetzen gehört seit jeher zu den unblutigsten und erfolgreichsten Manövern im Kampf um Hirne und Herzen, sprich Anhang und Macht. Daß der Begriff Toskana in Verruf gekommen ist, hat Gründe, die mit diesem ebenso alten wie lichten Kulturraum wenig zu tun haben und viel mit jüngster deutscher Geschichte und daraus resultierenden finsteren Interessen.

Alles begann mit der Wiedervereinigung. Am 3. Oktober 1990 wird sie vollzogen, im Dezember sollen erstmals gesamtdeutsche Wahlen stattfinden. Kandidat der SPD ist Oskar Lafontaine, der kein Hehl daraus macht, daß ihm das alles nicht so genehm ist. Was aber dann?

Am 16. November 1990 erscheint in Bild ein Beitrag mit der Überschrift "Saufen, fressen, vö ... Glauben Sie, daß Oskar Lafontaine das zu Frau Dürrenmatt gesagt hat?" Als Quelle werden die Zeitschrift Marie Claire und deren Beiträgerin Charlotte Kerr genannt, ihr gegenüber habe Lafontaine in einem wörtlich wiedergegebenen Interview besagte Tätigkeiten als besten Schutz gegen Machtmißbrauch bezeichnet. Bild druckt Lafontaines Dementi, "Ich bin doch kein Vollidiot, der gegenüber einer 63jährigen Dame solche Worte benutzt", undementiert jedoch bleiben folgende Bild-Behauptungen: "Trinkfest ist er geblieben ... in der Kneipe ‚La Guitarra‘ seines Freundes Enrique Olivares" (Saufen), "Im Legere‘ warb er den Chefkoch Heinz-Peter Koop ab. Der kocht jetzt in der Bonner Saarland-Vertretung" (Fressen), "Warum ist Oskars 2. Ehe gescheitert? Sein lockerer Lebenswandel? Er hat immer den Ruf eines Mannes gehabt, der nichts anbrennen läßt" (Räuspern).