BERLIN. – Die ersten kommen kurz nach Mitternacht. Sie kauern sich neben die rotweißen Absperrgitter, drücken sich eng an die Klinkerwand des eckigen Gebäudes. Wer sich auskennt, hat ein Stück Pappe oder einen Rest Teppichboden als Unterlage dabei und eine Wolldecke gegen die Kälte. Die ganz Erfahrenen nehmen eine Thermoskanne und etwas zu essen mit, denn sie haben eine der anstrengendsten Tätigkeiten vor sich: warten. Warten unter freiem Himmel, nicht eine Stunde, nicht zwei – sondern fünf bis sechs Stunden lang. In dieser Zeit wächst die Schlange um einige hundert Meter. Gut tausend Menschen reihen sich schließlich um das Gebäude herum. Und sie alle begehren Einlaß in eine deutsche Behörde. Wer sich nicht rechtzeitig einen guten Startplatz in der Schlange gesichert hat, muß wegen Überlastung der Dienststelle morgen wiederkommen – zu noch früherer Stunde. Alltag bei der Berliner Ausländerbehörde im Industriegebiet am Friedrich-Krause-Ufer.

Fragt man die Ausländerbeauftragte Barbara John nach den schlimmsten Erfahrungen ihrer zehnjährigen Dienstzeit, dann beschreibt sie genau diese Szenen: daß Menschen bei Wind und Wetter, bei tiefstem Frost stundenlang Schlange stehen müssen für einen Stempel im Paß, für die Erlaubnis, sich aus der Stadt heraus bewegen zu dürfen, für die Bescheinigung, daß die Großmutter aus Ankara das kranke Enkelkind besuchen kann. Daß so etwas "in einer zivilisierten Gesellschaft" im 20. Jahrhundert möglich ist, kann und will die Ausländerbeauftragte nicht begreifen.

Und doch geschieht es, Tag für Tag seit gut fünfzehn Jahren. In regelmäßigen Abständen sorgen die Berichte über die unwürdigen Zustände in der Ausländerbehörde für lokale Schlagzeilen. Einmal im Jahr auch muß sich Ulrich von Chamier, Leiter der Behörde, vor dem Ausländerausschuß für den täglichen Skandal rechtfertigen. Dann schütteln die Abgeordneten bedenklich die Köpfe und treffen sich zwölf Monate später wieder zum selben Schauspiel. Chamier hat rote, schwarze, rot-grüne und gelb-liberale Innensenatoren an sich vorüberziehen sehen, er hat ihnen gesagt, daß eine solche Behörde "eine beschämende Visitenkarte" für eine Weltstadt sei – geändert hat sich nichts. Und das liegt zweifellos auch an der Geringschätzung für das Publikum dieser Behörde.

Geharnischte Proteste der Japaner

Jetzt soll sich endlich etwas tun. Nach geharnischten Protestbriefen japanischer Großunternehmen, die sich über die menschenunwürdige Behandlung ihrer Mitarbeiter bei der Ausländerbehörde beklagten, überlegt man fieberhaft, wie man die "Visitenkarte Berlins" ein bißchen eleganter gestalten könnte. Aber auch diese Pläne sind politisch umstritten.

1500 bis 2000 Besucher drängen sich bisher täglich durch die Glastüren der Ausländerbehörde: türkische Arbeitsimmigranten, die schon seit gut zwanzig Jahren hier leben, Asylsuchende aus dem Senegal und Rumänien, Studentinnen aus Boston und Paris, Geschäftsleute aus Japan und der Schweiz, Bürgerkriegsflüchtlinge aus Kroatien und Sri Lanka. Sie alle kämpfen sich durch die Mühle der bürokratischen Vorschriften, den Wust von Formularen, Stempeln und Bescheinigungen, die ein Ausländer braucht, um zu einem Leben in der deutschen Metropole berechtigt zu sein. Die juristischen Regelungen produzieren Aktenberge und unsinnige, hausgemachte Arbeitsbelastung. Alle sechs Monate etwa müssen die 10 000 Asylsuchenden, die allein in Berlin auf eine Entscheidung des Nürnberger Bundesamts warten, bei der Behörde vorsprechen und einen neuen Aufenthaltsstempel abholen. Pünktlich zu einem vom Bundesinnenministerium festgesetzten Stichtag müssen auch die bisher geduldeten Flüchtlinge aus Bürgerkriegsländern bei der Ausländerbehörde erscheinen. Dann wächst die tausendfüßige Warteschlange nochmals um mehrere hundert Meter.

Kein Aschenbecher, kein Mülleimer